E Unibus Pluram

Von Bernhard Horwatitsch – Gesellschaft

E Unibus Pluram

Scham und Aufmerksamkeit

Die Begründerin der kulturvergleichenden Anthropologie Ruth Benedict entwickelte vor 100 Jahren die Begriffe von Scham- und Schuldkulturen und ordnete die Schamkultur dem Osten und die Schuldkultur dem Westen zu. Dieser Dualismus war von Anfang an umstritten, hat sich aber als populäre Lesart durchgesetzt. Diesen Dualismus aufgreifend, könnte man von einer Wende sprechen:

Bei Scham wird der Kopf zur Seite und gegen unten gerichtet. Der Blick ist dabei starr und in Kopfrichtung gerichtet.

Wir leben längst nicht mehr in einer Schuldgesellschaft. Schulden (Plural von Schuld) sind inzwischen ein Normalzustand geworden.  Allein die Staatsverschuldung übersteigt um ein Vielfaches das Staatsvermögen. Vielmehr leben wir in einer so genannten Schamgesellschaft, wo die Moral wesentlich durch Androhung von Bloßstellung aufrecht erhalten wird.  Wir schämen uns für unseren Körper, unsere Leistung, unser Verhalten. Aber im Gegensatz zu den asiatischen Schamgesellschaften wird in den westlichen Industrienationen die Scham negiert und die emotionale Abfuhr verhindert. Das Gefühl von Scham führt zur Verunsicherung über das aktuelle Identitätskonzept und bringt die Notwendigkeit mit sich, die Vorstellung von sich, den anderen und der Realität zu aktualisieren. Dieser Vorgang der Scham vollzieht sich im Allgemeinen durch den Rückzug der Person ins Private.

Nun hat aber der Verlust des Privaten in unserer Gesellschaft das Gefühl von Scham zu einem anachronistischen, nicht mehr hilfreichen Gefühl gemacht. In einer Welt der medialen Selbstdarstellung, in einer Welt der Überwachungskameras und dem Buhlen um Aufmerksamkeit, führt letztlich „Nicht gesehen werden“ zu einer Verunsicherung des Identitätskonzepts. Es findet also das genaue Gegenteil dessen statt, worauf sich moralisch unsere Gesellschaft die letzten Jahrhunderte geeinigt hat. Ein Paradigmenwechsel mit dramatischen Folgen. Der Amoklauf von Virginia im Jahr 2007 forderte immerhin 32 Tote (und es gibt weitere Amokläufe, die in ihrer Brutalität und Absurdität zunehmen, von Colombine im Jahr 1999 bis Parkland im Jahr 2018). Amokläufe sind eine Folgeerscheinung dieser neuen soziologischen Realität. Der Amokläufer im Virginia war zurückgedrängt, schämte sich seiner Minderwertigkeit, schämte sich seines Mangels an Erfolg (ein Gefühl aus der exzentrischen Positionierung heraus entstanden), aber die Möglichkeit, sein Identitätskonzept in Ruhe im privaten Rückzug neu zu bewerten, blieb ihm verwehrt. So war der Amoklauf eine Art Notwehr. Schamgefühle, die nicht zu einer moralischen Neubewertung seiner selbst führten, sondern weiter in der Seele brannten, und das auch noch von allen sichtbar. Denn niemand würde zugeben wollen, dass er nicht wahrgenommen wird. Aber so befand sich der Amokläufer in einer paradoxen Lage. Der Wunsch wahrgenommen zu werden und die Angst davor, dass seine Minderwertigkeit damit sichtbar wird, kollidierten. Die Mixtur für eine menschliche Bombe! Das Drama ist kein Einzelfall. Zum Einzelfall machen es nur der Waffengebrauch und die gewaltsame Lösung des Konflikts. Der Konflikt selbst ist gesellschaftlich ubiquitär. Es ist daher wahrscheinlich, dass Amokläufe tendenziell weiter zunehmen werden, ähnlich wie auch terroristische Akte, die im Grunde nicht viel anders zu bewerten sind. Das hat das Ereignis 09/11gelehrt. Ein mediales Ereignis! Sich minderwertig fühlende Menschen  bekommen die Gelegenheit, sich großartig darzustellen. Zufällig stoßen sie auch noch auf eine Machtkonstellation in Amerika, die es ihnen leichter macht, weil diese bestimmten Mächte einen Nutzen daraus ziehen können.

09/11 war also der Versuch, einen Konflikt zu lösen, der gerade auf dieses Paradox von Scham und Aufmerksamkeit zurückzuführen ist. Ein Konflikt, der nur mit dem Tod des sich schämenden Protagonisten enden kann. Die Wut ist größer als das die Wut zu fassen wollendes Subjekt. Die Wut wurde so groß, weil das sich schämende Subjekt keine Rückzugsfläche mehr hatte. Wer sich seine Wunde nicht in aller Ruhe lecken kann, der wird zum wütenden Tier, gleich einem angeschossenen Raubtier. Wenn ein Konflikt nicht mehr lösbar ist, regiert der Hirnstamm, werden archaische Handlungsmuster freigesetzt. Der Tötungsakt eines Amokläufers und eines Selbstmord-Attentäters entspricht dem Tötungsakt eines um sein Überleben kämpfenden Raubtieres. Unser Konsum-Verhalten ist im Grunde nichts anderes, es ist sublimiertes Töten. Konsum ist das Verhalten, welches das soziologische Paradox von Scham und Aufmerksamkeit zu kompensieren versucht. Kaufen ist ein Akt der Aufmerksamkeit. Der Mensch positioniert sich exzentrisch. Er gerät dadurch in eine Situation, wo er sich schämt. Fehlt ihm die Möglichkeit des Rückzugs, wird das Gefühl der Scham absolut unerträglich! Jeder kann es sehen. Jeder sieht, wie man aussieht, wie man ist. Aus dem Gefühl des Umringtseins, des sich ausgesetzt Fühlens, handelt der Mensch in Notwehr.

Überwachungskameras, Mobiltelefone, Internet: Wir sind stets sichtbar, stets erreichbar. Unsere Schwächen sind erfasst, unsere Krankheiten in großen Datenbanken der Krankenkassen jederzeit von anderen abrufbar, unsere Pässe jederzeit kontrollierbar, unsere Identität jederzeit greifbar. Wer sich schämt erlebt eine unerträgliche Tragödie, die nicht mehr zur moralischen Integrität führt, nicht mehr zur Bescheidenheit Anlass gibt, sondern zur Zerstörung der Identität. Scham ist unzulässig, ist unlebbar geworden. Und das in einer Gesellschaft, wo Schamgefühle zunehmend den moralischen Maßstab ausmachen! Wir stochern in unseren Wunden herum. Mediale Ereignisse, wie „Big brother“ oder „DSDS“, aber auch die Schaulust am Privaten denen Stars ausgesetzt sind, oder Unfallopfer sind Beweise für dieses Stochern in unseren Wunden. Der Tod von Prinzessin Di aufgrund einer Jagd der Schaulust bedienenden Journalisten wurde nicht umsonst zu einem modernen Mythos unserer Gesellschaft. Der öffentliche Tod entspricht dem Gipfel einer Aufmerksamkeitsgesellschaft. Unser Tod findet hier kontrafaktisch nicht in stiller Zurückgezogenheit statt, ist kein privates Ereignis, sondern ein gesellschaftliches Präsenzereignis. Das Private war eine Erfindung der Bürgerlichkeit. Diese politische Klasse hat die Moralvorstellungen der letzten 200 Jahre geprägt und beherrscht, denn es war die herrschende Klasse. Sie ist verschwunden. Kommunismus und Faschismus haben die bürgerliche Klasse ausgemerzt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts formierte sich eine instabile Klasse, die man als „mediale Klasse“ bezeichnen könnte. Sie ist das Ergebnis eines Traums: Der allgemeinen Gleichheit vor dem Fernsehapparat. Die DSDS Casting-Show ist ein Beleg für die mediale Pseudo-Demokratisierung. Jeder darf sich an Peinlichkeit überbieten. Nein, soll sich sogar an Peinlichkeit überbieten. Da Scham negiert wird, muss die Prostitution öffentlich zelebriert werden. Hier werden keine Helden präsentiert, sondern die Schwächen von Menschen bloß gelegt. Das Publikum ergötzt sich an den Peinlichkeiten und beruhigt sich dadurch selbst. Die Teilhabe des Publikums durch die gemeinsame Abstimmung ermöglicht wiederum, dass die Gemeinschaft sich insgesamt als Sieger fühlt. Die Verlierer auf dieser Strecke sind mediale Ausschussware – Müll. Müll, wie ihn die Konsumgesellschaft in täglicher Ignoranz in Massen produziert. Dieser Müll bildet aber längst eine Gegenkultur, die sich populär im Trash symbolisiert. Amokläufer und Selbstmordattentäter sind Helden des Trash. Sie sind das Ergebnis und die Antwort auf eine Vanitas die sich längst ihrer Hässlichkeit bewusst ist. Selbstzerstörung ist ein klares Indiz für die moralische Abulie einer hochgradig verschuldeten und sich schämenden Gesellschaft, die alles daran setzt sich trotzdem gut zu fühlen.

Bernhard Horwatitsch https://www.literaturprojekt.com/




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