Über den Gebrauch des Konjunktives

Thyra Thorn – Aus der Reihe: Franzi und Hannerl lesen Zeitung – Glosse – Gesellschaft

… wenn Deutschland nur wollte!

Über den Gebrauch des Konjunktives

Franzi: „Man möcht´s nicht glauben. Hier steht, dass ‚China unglaublich abhängig von Deutschland ist.‘1“

Hannerl: „Nicht etwa umgekehrt? Ich meine, China ist doch so groß und wir nur ganz klein?“

Franzi: „Hätt´ ich auch gedacht.“

Hannerl: „Bei so vielen Sachen hier im Haushalt steht ‚made in China‘ hinten drauf! Ich glaub ja nicht, dass es den Chinesen umgekehrt auch so geht. ‚Made in Germania‘, (sinnt nach) beim Bier vielleicht – Tsingtao aus Qingdao!“

Franzi: „Mein neuer Wintermantel ist übrigens immer noch in Gangzhou. Ich hoffe sehr, er kommt bis zum Frühling.“

Hannerl: „Du bist also von China abhängig, wenn du nicht frieren willst.“

Franzi: „Stimmt.“

Hannerl: „Und warum hängen die Chinesen jetzt von uns ab?“

Franzi: „Weiß ich noch nicht. Im Gegensatz zur Überschrift steht im Artikel selbst fast alles im Konjunktiv. Zunächst, dass Deutschland zwar jetzt noch sehr abhängig sei, aber wenn Deutschland wollte, könnte es alle Produkte aus China ersetzen, naja bis auf die Autobatterien für E-Autos.“

Hannerl: „Und dann wäre Deutschland unabhängig und die Chinesen dafür abhängig.“

Franzi: „So ist es.“

Hannerl: „Wie genau sind die Chinesen von uns abhängig?“

Franzi: „Warte mal. Ah, hier: Bei den Chinesen stehen viele deutsche Maschinen herum, plus Software und so.“

Hannerl: „Aber die Chinesen könnten ja dann auch von anderen Ländern Maschinen kaufen oder selber bauen. Dann wären sie auch nicht mehr unglaublich von uns abhängig. Schließlich haben die ihr eigenes Silicon Valley und Erfinder aus der ganzen Welt reißen sich darum, dort arbeiten zu dürfen.“

Franzi: „Das würden die nicht wollen. Die sehen wahrscheinlich voraus, dass wir Deutschen die Welt soweit ändern, dass sie gerne abhängig sein werden.“

Hannerl: „Wie, die Welt ändern?“

FranzI: „Bisher schippern die Chinesen zum Beispiel auf unserem Rhein mehr oder weniger herum, wie sie wollen. Wenn wir das Kapotagerecht ändern, dann dürfen wir Deutschen auch den Jangtse-Fluss rauf- und runterfahren.“

Hannerl: „Das durften wir bisher nicht? Wie ungerecht, aber auch schlau! Aber warum sollen die Chinesen der Gesetzesänderung zustimmen, nur damit sie abhängig bleiben?“

Franzi: „Die freuen sich vermutlich, wenn nicht immer alles nach ihrem Kopf läuft.“

Hannerl: „Das ist aber sehr ungewöhnlich. Chinesen sind schwer zu verstehen.“

Franzi: „Wenn wir ihnen jetzt noch ihr Monopol-System verbieten, wird alles gut.“

Hannerl: „Aber es handelt sich um Staatsbetriebe, verbunden mit Staatsbehörden, Staatsräten, der Partei, usw.! Die sind von ihrer inneren Struktur her reine Monopole. Wie soll man das denn ändern?“

Franzi: „Papperlapapp. In Europa hätten wir schließlich auch die Bildung von Kartellen und Monopolen verhindert.“

Sie sehen sich an und brechen in lautes Lachen aus.

Hannerl wischt sich die Lachtränen aus dem Auge: „Wenn die Chinesen das sehen, eifern sie uns bestimmt nach.“

1 Mittelbayerische Zeitung vom 28.10.22, Seite 4 , „China ist unglaublich abhängig von Deutschland“, Interview mit Jacob Gunter von Mareike Kürschner


Bild: Fotonachweis Floriana ©  FOTOKERSCHI.AT / KERSCHBAUMMAYR

Thyra Thorn ist Ethnologin (M.A.), bildende Künstlerin  und Autorin, seit 2016 Mitglied im deutschen Schriftstellerverband. Sie schreibt für österreichische, deutsche und schweizerische Literaturzeitschriften und Kulturjournale. Ihr neuester Roman: „Luxus?“ ist im April 2022 im PänK Verlag herausgekommen.

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