Euren täglichen Müll gebt uns heute

Von Dr. Kevin Riemer-Schadendorf Gesellschaft – Wirtschaft neu erdenken

Euren täglichen Müll gebt uns heute

Europäischer Elektroschrott und die Folgen für die Straßenkinder von Accra.

Unsanft hält unser klappriges Taxi bei schwül-warmen Temperaturen auf dem Großmarkt von Agbogbloshie. Hier in Ghanas Hauptstadt Accra endet nicht nur unser westafrikanisches Urlaubsabenteuer, sondern auch der illegal eingeführte Elektroschrott aus Europa. Einfache Verkaufsstände säumen dicht gedrängt die rote Schotterpiste, auf der sich voll beladende Eselskarren, schrottreife Dreiradwagen und fliegende Händler nebst umherirrenden Schafen den Staub der Straße teilen. Der Markt gleicht für uns Außenstehende einem chaotischen Ameisenhaufen und hat doch System. Das weitläufige Marktgebiet ist aufgeteilt nach Lebensmitteln, Kleidung und weiteren Waren. Zwischen dem allgegenwärtigen Abfall halten wir nach der berüchtigten Müllkippe Ausschau, die hier beschönigend als Elektro- und Metallmarkt bezeichnet wird.

Trotz der Unübersichtlichkeit findet sich der Metallmarkt relativ einfach, indem meine Frau und ich schlichtweg der eigenen Nase folgen. Giftige Schwaden schwarzen Rauches durchziehen zunehmend die Luft. Es stinkt nach verbranntem Plastik. Vorbei an mannshohen Schrottbergen laufen wir über rostbraune Erde, die mit allerlei Plastik- und Metallabfällen durchzogen ist. Hier wachsen weit und breit weder Baum noch Strauch – nicht einmal die robusteste und anpassungsfähigste Pflanze vermag es, auf dem verseuchten Boden Wurzeln zu schlagen.

Mit jedem Schritt wird der Rauch dichter und die Erde dunkler – ein sicheres Zeichen, dass wir uns dem Epizentrum der Mülldeponie nähern. Neben dem Müll durchtränktem Rinnsal, was früher mal ein Fluss gewesen sein mag, verbrennen eine Handvoll Kinder und junge Männer ein nicht näher definierbares, etwa medizinballgroßes Geflecht, das sich später als eine Ansammlung von Computerkabeln herausstellen sollte. Ohne Atemschutzmaske und Arbeitshandschuhe stehen die „Burner“ schutzlos in Flip-Flops auf dem mit Quecksilber und Arsen verseuchtem Boden. Überrascht starren sie uns an, achten jedoch gleichwohl auf die Windrichtung, um nicht direkt in den toxisch-schwarzen Rauch aus Phosphor, Blei und Cadmium zu geraten. Der krebserregende Qualm weht jedoch ungefiltert in den gegenüber liegenden Slum von Old Fadama, im Volksmund biblisch „Sodom“ genannt.

Wir kaufen diverse Wasser in kleinen Plastiktüten, die ein zierliches Mädchen im bunten Kleid von höchstens zwölf Jahren auf der Deponie verkauft. Jeweils eine behalten wir für uns und verteilen den Rest wahllos an die umherstehenden Männer. Ein junger Kupfersucher hustet schwarzen Rauch und drückt mir plötzlich ungefragt seinen Eisenstab in die Hand. Seine eindeutige Handbewegung fordert mich auf, seine täglichen Arbeitserfahrungen mit mir zu teilen. Mit dem gut zwei Meter langen Eisenstab wuchte ich nun ungläubig den feuertropfenden Ball aus Kupfer und schmelzendem Plastik in die bleierne Luft. Er ist höllisch schwer und ich bin froh, als mich eine verrußt schwielige Hand von dem rostigen Stab als gleich wieder befreit.

Vorsichtig kommen wir daraufhin mit einem der Arbeiter ins Gespräch, der sich uns als „Chief“ vorstellt. Der Chief heißt eigentlich Mohammed und ist so etwas wie der Anführer einer Gruppe von knapp zehn Bewohnern der Elektrohalde. „Welcome to Sodom“, begrüßt er uns, verzieht dabei keine Miene und weist uns platzbittend in seinen Unterschlupf. Die behelfsmäßige Behausung ist ein auf dem Kopf stehendes Boot, das an den Ecken jeweils von vier Öltonnen getragen wird. Um den leicht klebrigen Metalltisch herumsitzen vier Jugendliche, die abwechselnd an ihren selbstgedrehten Zigaretten ziehen.

Er berichtet uns, dass sie neben Eisen und Aluminium vornehmlich auf der Suche nach Kupfer sind, das sich noch in den alten Elektrogeräten verbirgt. Statt den Elektroschrott ökologisch sauber in seine Wertstoffe zu trennen und fachgerecht zu entsorgen, wird er hier auf dem inzwischen pechschwarzen Erdboden mit Spiritus oder Benzin übergossen, um den störenden Schaumstoff und Plastik zu verbrennen. Neben der Boden- und Trinkwasserverseuchung hat die damit einhergehende Form der Luftverschmutzung massive gesundheitliche Folgen. Nicht nur durch die unmittelbare Aufnahme über die Atemwege und Haut, sondern auch durch die Kontamination der angebotenen Feldfrüchte, die auf dem angrenzenden Lebensmittelmarkt angeboten werden. Die durch die Verbrennung entstehenden Dioxine setzen sich auf der Oberfläche von Früchten und Gemüsen ab und gelangen dadurch in den Nahrungsmittelkreislauf der Menschen. Auch die scheinbar herrenlosen Kühe und Ziegen ernähren sich vom Dioxin-verseuchten Müll, denn saftiges Gras oder duftende Gräser suchen sie hier vergeblich. Über die Milch und das Fleisch der Tiere gelangen die Giftstoffe wiederum in den Organismus der rund 6.000 Menschen, die auf der verseuchten Halde arbeiten und leben.

Der Ort ist für uns so unwirklich, dass wir noch immer nicht ganz begreifen, wo wir uns eigentlich befinden. Noch immer halten wir unsere leeren Plastikwasserbeutel in den Händen. Als Mohammed es bemerkt, fragt er sarkastisch, ob wir vielleicht nach einem Mülleimer suchen? Gleich darauf nimmt er uns die Plastiktüten aus der Hand und wirft sie vor uns auf den Boden, blickt uns scharf an und verdeutlicht: „Wir leben im Mülleimer!“ Statt die Schwere seiner Worte im vollen Umfang zu begreifen, wollen wir uns vielmehr ein Taschentuch vor die Nase halten, um Gestank und Giftstoffe zumindest oberflächlich zu entfliehen. Der zwischenmenschliche Anstand überwiegt indes die möglichen gesundheitlichen Folgen, im „Wohnzimmer“ des Gastgebers ein schützendes Tuch oder gar eine Atemschutzmaske zu tragen.

„Wir wissen um die Umwelt- und Gesundheitsprobleme hier, doch wir leben eben nur in der zweitschlechtesten aller Welten“, sinniert Mohammed fast philosophisch. Er hebt seine barfüßige Tochter auf seinen Arm und verweist nicht ohne Stolz: „Mit dem Kupfer ernähre ich meine Familie! Ohne die Deponie wären wir schließlich alle arbeitslos und müssten verhungern.“ Er berichtet, dass immer wieder Umweltorganisationen versuchten, seine schmutzige Arbeit zu unterbinden. „Doch was soll uns das bringen?“, skandiert er heftig, „Denkt ihr wirklich, wir wollen hier freiwillig für einen Hungerlohn in eurem Elektromüll schuften und unsere Gesundheit gefährden? Wir haben einfach keine Alternative! Liefert uns eine sichere Perspektive statt eure Müllberge und ich verspreche euch: von einem auf den anderen Tag sind wir hier alle verschwunden!“


Kevin Riemer-Schadendorf wurde 1979 in Hamburg geboren. Er ist studierter Kulturwissenschaftler und promovierte im Bereich Nachhaltigkeitsmanagement. Seine ersten Reiseerzählungen erschienen 2017 im Berliner Frieling Verlag. Es folgte seine autobiographische Anthologie „Weltwärts, um die Enge der Heimat zu begreifen“, die 2020 im Leipziger Einbuch-Verlag erschienen ist. 2021 publizierte der Treibgut-Verlag aus Berlin seine Novelle „Leiden für ein Feuerwerk: Die Flucht der S. Rebesky“. Sie beruht ebenfalls auf wahren Begebenheiten und schildert die Flucht seiner Großmutter im Zweiten Weltkrieg.

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