Wessen Wille geschehe?

Von Bernhard Horwatitsch – Gesellschaft

Wessen Wille geschehe?

Vieles fiele leichter, könnte man Gras essen

Die bürgerlichen Revolutionen des 19. Jahrhunderts ersetzten das Recht des Stärkeren durch den allgemeinen Willen, dass das Streben nach Glück, die Unversehrtheit meines Lebens und meine persönliche Freiheit angeborenes Recht eines jeden seien. Bürgerliche Demokratien zeichnen sich inzwischen durch Wahlen derer aus, die das schönste Glücksversprechen abliefern. Doch der Zwang der Verhältnisse hat noch jedes Glücksversprechen entpolitisiert.  So wurde das Glück reduziert auf ökonomische Volatilität. Glück ist Risiko. Auch meine Freiheit und meine Unversehrtheit werden zunehmend diesem ökonomischen Risiko unterworfen. Damit benötigt das freie Subjekt den Gegenbegriff von Ordnung bis hin zur Situationslosigkeit. Um das Risiko Glück, Freiheit und Unversehrtheit zu verlieren, zu minimieren bedarf es der Ordnung. Jede Sozialutopie steht daher unter dem Generalverdacht ein Sonnenstaat zu sein.

Die technisch-digitale Revolution verkörpert den Wunschtraum einer solchen Sozialutopie, in der nicht die Würde des freien Subjekts, sondern das Glück befriedigter Triebe verallgemeinert wird. Jedes Smartphone verspricht dieses verallgemeinerte Glück. Im April 2018 sendete das Technologie-Unternehmen Apple folgende Werbung: Das ikonische Voice-over von Box-Legende Muhammad Ali aus dem Spoken-Word-Album „I Am The Greatest“ (1963)  wird garniert mit zahlreichen Selfies von iPhone-Nutzern unterschiedlichen Alters und jeder Herkunft. Auch wenn unser Verstand sich gegenüber Werbungen immunisiert hat, wirkt die Botschaft auf den Körper. Ein euphorisierender Adrenalinstoß ist unvermeidlich. I Am The Greatest.

In der Idee des Gesellschaftsvertrags als allgemeiner Wille ging nicht um den Wunschtraum eines glücklichen Lebens, sondern um ein ableitbares Überall. Freizügigkeit und freies Spiel der Konkurrenz konnten aber das Ideal menschlicher Autonomie nie ganz abdecken. Und das Freiheitsversprechen der bürgerlichen Gesellschaft kam nicht über den Irrtum von Faust hinaus: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss. (Vers 11575 FII). So blieb der Staat weiter paternalistische Ordnung zur Einhegung der menschlichen Wolfsnatur. Und Recht blieb für das Subjekt immer nur ableitbares Recht, während der Staat sein Recht sui juris ausübt. Im Zuge der technisch-industriellen Revolution wird die politische Freiheit mehr und mehr einer technischen Heteronomie unterworfen und die politische Autonomie zum Vorgefühl, als bloßes Versprechen selber Utopie. Durch den Algorithmus wird die Volatilität der einzelnen Subjekte einem allgemein gültigen Gesetz unterworfen und so das Glück zur Ordnung. Bene qui latuit, bene vixit? Es gibt keinen Ort mehr, wo sich der moderne Mensch noch vor der Zwangsbeglückung durch die digitalen Tyrannen verbergen könnte.  Hier tritt ein unaufhebbarer Widerspruch zwischen dem Versprechen auf Würde und Freiheit und der Verallgemeinerung des Glücks auf.  Miteinander konkurrierende freie Subjekte verunmöglichen allgemeines Glück. Und allgemeines Glück macht mich zum würdelosen Objekt der Technik.

Negative Freiheit

Wer das Recht auf Würde und Freiheit zum allgemeinen Willen erklärt offenbart sich als ökonomisch progressiv, drückt aber keinen sozialen Wunschtraum aus. Der Staat ist der Leviathan, der dieses Recht auf Würde und Freiheit seiner Zufälligkeit enthebt. Hier zeigt sich die Problematik der Spätmoderne. Nahezu alle Sozialutopien heben das Recht auf Privateigentum auf oder beschränken es zumindest zum Wohl aller. Der bloße Wunschtraum als Staatsroman erklärt uns nicht den Weg. Die Utopie ist schon da wo man sich wünscht. Das größte Problem aller Sozialutopien war also immer schon die Freiheit. Definieren wir die Freiheit als frei von Einmischung,  Manipulation oder Kontrolle durch einen oder mehrere andere, und frei dazu, meine Potenziale aktiv zu verwirklichen, dann ergibt sich aus dieser Definition schon klar der Gegenwurf der Ordnung.  Wir leben inzwischen in einer hochkomplexen industriell-technologischen Gesellschaft. Der Begriff der Manipulation lässt sich mit „Handhabung“ übersetzen. Und so setzt die Technik den Begriff auch ein. Manipulation findet also tagtäglich in einer hochkomplexen industriell-technologischen Gesellschaft statt. Der Leitspruch von Apple.inc. „Weniger, aber besser“ bezieht sich auf ein leichteres Verständnis zum Bedienen der Produkte. Für jeden sofort zugänglich und handhabbar.  Damit ermöglicht diese Technik eine ursprüngliche Datenakkumulation die uns unseres Subjekts beraubt. Und macht uns damit zum würdelosen Objekt.
Der Staat dagegen muss Institutionen gewährleisten, welche die Produktion von Technik kontrolliert. In einer über Ländergrenzen hinweg organisierten global orientierten Ökonomie ist Einmischung (im Grunde äquivalent zu Verflochtenheit) unvermeidlich. Mit unserer Freiheit ist es daher nicht so gut bestellt, wie wir gerne glauben möchten. Der US-amerikanische Mathematiker und Spezialist für Briefbomben Theodore Kaczynski definiert in seinem  oft kruden, aber manchmal (leider) erhellenden Manifest Freiheit daher folgendermaßen: Freiheit bedeutet die Kontrolle über die eigenen existentiellen Dinge zu haben, die Leben und Tod bestimmen; Nahrung, Kleidung, Unterkunft und Verteidigung gegen Gefahren der Umwelt. Freiheit bedeutet Macht zu haben, aber keine Macht, um andere Menschen zu kontrollieren, sondern Macht über die Kontrolle der eigenen Lebensumstände. Man hat keine Freiheit, wenn irgendjemand (insbesondere eine große Organisation) über einen Macht ausübt, ganz gleich ob diese sich wohltätig, duldend oder freizügig verhält. Kaczynski kam daher zu dem Schluss, dass wir keineswegs eine freie Gesellschaft sind. Vielmehr leben wir in einer großen Abhängigkeit von den Entscheidungen einiger weniger. Die Freiheit in dieser von den bürgerlichen Produktionsmitteln geprägten Gesellschaft besteht darin, ökonomisch progressiv zu sein und so Partizipation zu erwerben. Um aber diese Partizipation erwerben zu können, muss der Einzelne einen großen Teil seiner Freiheiten aufgeben. Die bürgerlichen Freiheiten sind ohne Manipulation, Kontrolle und Einmischung gar nicht zu verwirklichen. Das Streben nach Glück wurde zu einer technologischen Falle. Frei von Armut zu sein, ist noch keine Freiheit.

Positive Freiheit
Wie steht es mit meiner Freiheit zu etwas, was Niclas Luhmann auch als Sinn definierte: der laufenden Aktualisierung meiner Möglichkeiten?

Der berühmte Satz, dass sich das größte Werk vollende, genügt ein Geist für tausend Hände, den Goethes Faust sprach wiederholte sich in Reagans Antrittsrede von 1988: Ein einziges Individuum mit einem Desktop-Computer und einem Telefon kann mehr Ressourcen befehligen als irgendeine Regierung noch vor einigen Jahren. Auf einem etwa 70 Kilometer langen und 30 Kilometer breiten Gebiet südlich der San Francisco Bay Area haben sich seit den 1950er Jahren gut 1000 IT- und High-Tech-Unternehmen angesiedelt. Von Apple bis Facebook, von Google bis ebay sind diese Firmennamen der Inbegriff der technologisch geprägten Spätmoderne geworden. Die Firma Apple.inc. beschäftigt 116.000 Mitarbeiter und hatte zuletzt 215 Milliarden Dollar Jahresumsatz. Der Mitbegründer und langjährige CEO von Apple inc. Steve Jobs sagte einmal: „Eure Arbeit wird einen großen Teil eures Lebens ausmachen und der einzige Weg, wirklich zufrieden zu sein, ist etwas zu tun, das ihr für großartiges Schaffen haltet. Und der einzige Weg, Großartiges zu leisten, ist, wenn ihr liebt, was ihr tut. Und falls ihr es noch nicht gefunden habt, haltet Ausschau. Gebt euch nicht damit zufrieden. Genau wie bei allen Herzensangelegenheiten werdet ihr merken, wenn ihr es gefunden habt.

116.000 Mitarbeiter von Apple.inc. lieben ihre Jobs (das ist ein beabsichtigter Kalauer), weil sie ihnen Bedeutung verleihen, die ihr eigenes kleines Leben nie erlangen kann. 

Der ehemalige CEO von Apple.inc. Tim Cook kündigte 2015 an, sein gesamtes Vermögen von immerhin 765 Millionen Dollar zu spenden. Dazu kam es natürlich nie.

Die digitale Wirklichkeit der reinen Fakten und die analoge Wirklichkeit in der die Fakten bewertet werden und für das Subjekt Bedeutung erlangen assimilierten im Finanzkapitalismus zu einer neuen Wirklichkeit. Der Stoff aus dem diese Wirklichkeit gebaut wurde, gleicht dem Sand von Silicon Valley. Denn diese transmutierte Wirklichkeit des Finanzkapitals ist in der Tat auf Sand gebaut. Die Volatilität dieser Sandburgen machte aus unserer Welt eine Geisterwelt. Nicht einmal mehr 10 Prozent unserer Geldvorräte existieren noch als greifbare Währung. Der Großteil des Vermögens von Tim Cook besteht aus Finanzderivaten, nicht wenige aus exotischen Optionen. Die Option wurde zur Realität in der sich jeder selbst erfindet. Dies klingt wie eine unermessliche und geradezu totale Freiheit. Man kann ohne Geld ein Haus kaufen und das nicht existierende Geld ausgeben. Der Informationskapitalismus schuf allerdings eine „The Winner takes it all“ Gesellschaft. Denn die wenigsten von uns haben – nicht einmal optional – Zugriff auf eine halbe Milliarde Dollar.

215 Billionen Dollar Schulden, zwölf Nullen mal 215. Das ist unsere Realität. Das Problem ist damit die Wirklichkeit selbst. Denn leider gibt es nicht so viele real existierende Häuser, wie man sich jetzt kaufen könnte. Das ist das Problem jeder Fiktion. Fast 8 Milliarden Menschen verteilen sich auf  gerademal 510 Quadratkilometer Fläche wovon das Meiste sogar nur aus Wasser besteht. Eine gerechte Verteilung der Fläche ergäbe für jeden Menschenbürger ein kleines Appartement. Die vielen Selbsterfinder stoßen auf eine knallharte Wirklichkeit, in der die meisten Selbsterfinder überflüssig werden. Eine solche Spende von Tim Cook kann nie mehr sein, als ein reines Symbol und hätte keinerlei realen Einfluss auf die Ungleichheit in unserer Welt. Nicht nur, weil auch Tim Cook ein paar Nullen fehlten, um das ökonomische Desaster zu bereinigen, sondern weil das, was er spenden wollte, gar nicht real existiert. Es ist pure Fiktion. Und natürlich war der Aufsichtsrat von Apple.inc. dagegen. Denn ein Großteil der Optionen von Tim Cook ist Kapital von Apple.inc.. Oder um es mit Mrs. S aus Orphan Black zu sagen: „Es gibt immer einen verdammten Aufsichtsrat“.
Auch Finanzamt und Börsenaufsicht haben etwas gegen Kursmanipulation.
Die Freiheit, unsere Möglichkeiten zu leben sind nach der Diagnose von Theodore Kaczynski lediglich Ersatzhandlungen (surrogate activity). Denn als Selbsterfinder findet jede Form der Selbstverwirklichung nur fiktiv statt. In der Realität sind unsere Möglichkeiten sehr begrenzt. Als Subjekt können wir zwar im Internet inzwischen alles veröffentlichen was wir uns denken. Aber es hat keinerlei Einfluss auf die Realität. Doch Freiheit zu etwas soll ja auch wirkmächtig sein. Das ist das Versprechen des Liberalismus auf Würde und Freiheit als progressive Ökonomie. Da aber die liberale Gesellschaft von Würde und Freiheit nur gelebt werden kann, wenn eine Ordnungsmacht garantiert, dass uns dabei keine Gewalt widerfährt, verliert die liberale Gesellschaft gerade deshalb an Wirkmächtigkeit. Liberales Leben findet nur noch virtuell statt. Die Wirklichkeit zeigt durch und durch verhaltenskonditionierte Glücksritter, die ihre eigene Anpassung an die allgemeine Normierung sogar als Glück empfinden. Der Termitenstaat als Paradies auf Erden.

Bürgerlicher Abwehrzauber
Innerhalb der bürgerlichen Inseln regelt die Exekutive mit einem Höchstmaß an Vernunft eine gewaltfreie Ökonomie. Doch die Prinzipien der Gleichheit der Rassen, Gleichheit der Geschlechter, Unterstützung der Armen, Frieden als Gegensatz zu Krieg, allgemeine Gewaltlosigkeit, Redefreiheit, Tierliebe sind außerhalb der bürgerlichen Inseln und den Verlierern der progressiven Ökonomie schlicht nicht vorhanden und blieben für viele weitestgehend Fiktion.

Der Traum der so genannten freien Welt nach der Katastrophe war ein bloßer Verhinderungstraum. Die letzten 70 Jahre war der Leviathan damit beschäftigt, die menschliche Wolfsnatur durch überbordende Glücksversprechen einzuhegen. Es gab nie eine positive Sozialutopie in den bürgerlichen Gesellschaften. Jenseits des Eisernen Vorhangs hingegen glaubte man sich schon im Wunschtraum angelangt. Die Glücksversprecher der bürgerlichen Gesellschaften blickten teils neidisch, teils skeptisch über die Mauer. Und da wurde bald erkannt, dass die gelebte Sozialutopie mehr dem Sonnenstaat eines Campanella, als dem Utopia eines Thomas Morus glich. Zwang und Ordnung  und kaum Freiheit im sozialistischen Paradies. So lautete die Diagnose der bürgerlichen Gesellschaften und gipfelten in dem berühmten Fragment: Tear this wall down. Diejenigen, die auf das versprochene Glück im Westen von drüben blickten, hatten aber einen ganz anderen Begriff von Freiheit. In mehr oder weniger romanhafter Form war das Ideal von Freiheit auf menschliches Glück bezogen und eingekleidet in einer wirtschaftlich-sozialen Form.  Freizügigkeit und freie Konkurrenz als Eisenseite des bürgerlichen Naturrechts-Begriffs, als Heraustreten aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, angelegt als Begriff von Würde, das war 1989 das große Missverständnis. Staatsroman und menschliches Glück trafen hier auf liberale Konkurrenzbestrebungen und „umrungen von Gefahr“, soll im Westen „ein Mann sein tüchtig Jahr verbringen“. 30 Jahre später sind die jungen Männer von damals dissoziiert, stehen an den von ihnen selbst zertrümmerten Utopie-Mauern und fordern ein Recht, das im Westen längst durchschaut wurde. Keiner glaubt mehr den Glücksversprechen vor den Wahlen. Der Allgemeinwille ist ebenso zertrümmert. Im Recht ist die Erfüllung gleichgesetzt mit dem Erlöschen einer Schuld. Längst rächt es sich, dass das Menschenglück in die Zukunft vertrieben wurde. Das Leben ist ein Projekt geworden. Die Gesamtschulden der Welt übersteigen um das Dreifache die globale Wirtschaftsleistung. Von Erfüllung sind wir also rein rechtlich sehr, sehr weit entfernt. Und Glück? Wir haben Schulden und keine Zeit. Uns zerrinnt der Augenblick wie nichts in den Fingern. Übrig bleibt eine glitzernde Warenwelt. In den bürgerlichen Gesellschaften besitzt der durchschnittliche Bürger 10.000 Dinge. Sie sind nahezu alle „überflüssig“, volatile Surrogate als Realitätsersatz in einem genormten Termitenstaat, regiert von einigen wenigen Superreichen.  

Dies alles war schon im 19.ten Jahrhundert bekannt. Der Frühsozialist Charles Fourier konnte sich mit dem Gang der Revolution nicht anfreunden. Nach seiner Meinung hatte die Masse des Volks sehr wenig dadurch gewonnen. Viel mehr dagegen hatte die Klasse, die er aufs Tiefste hasste, die handeltreibende Klasse, profitiert. Die Handelsfreiheit als das Ei des Columbus zu rühmen, erbitterte Charles Fourier.  „Er hatte gesehen, dass, während die Revolutionäre sich bemühten, mit größter Rücksichtslosigkeit Alles mit blutiger Gewalt niederzuschlagen, was ihren Begriffen von gesellschaftlichem Glück entgegenstand, das Kapital im schreiendsten Widerspruch mit den gepredigten Grundsätzen agirte. Er sah, wie der Güterschacher, der Lebensmittelwucher, die Lieferungsschwindeleien blühten und die neu emporgekommenen und plötzlich reich gewordenen Besitzer ihre Orgien feierten.“ So schildert es August Bebel in seiner Biografie über Charles Fourier. Der Anarchist Theodore Kaczynski schreibt über die Wucherer und Blender: Ein Mitglied von FC (Freedom Club) hat vor einigen Jahren einen Verkaufsmanager getroffen, der ihm offen und ehrlich erklärte: „Unser Job ist es, den Leuten Sachen aufzuschwatzen, die sie weder wünschen noch brauchen.“ Dann beschrieb er, wie ein ungeübter Verkäufer jemandem ein Produkt anbietet und es zu keinem Verkauf kommt, während ein erfahrener und professioneller Verkäufer bei demselben Mann eine Menge Waren los werden kann. Daraus wird deutlich, dass Menschen beim Kauf von Sachen, die sie eigentlich nicht wollen, manipuliert werden.

Das klingt erstaunlich ähnlich, wie eine Anekdote über den großen Frühsozialisten Charles Fourier, die uns August Bebel erzählt: Als einziger Sohn vom Vater für den Handel bestimmt, erzählt er selbst in einem seiner Werke, wie er frühzeitig gegen denselben eingenommen wurde. Da diese Stelle für den ganzen Mann charakteristisch ist, geben wir sie ihrem Hauptinhalt nach wieder. Er sagt: Man muss den Handel als ein grau gewordener Praktiker, der vom sechsten Jahre ab im kommerziellen Schafstall erzogen wurde, kennen. Er habe in diesem Alter den Unterschied zwischen dem Handel und der Wahrheit kennen gelernt. Im Katechismus und in der Schule habe man ihm gelehrt, nie zu lügen, dann führte man ihn in den Laden, um ihn frühzeitig in dem edlen Handwerk der Lüge oder der Kunst, wie man verkauft, zu üben. Betroffen über die Betrügereien und Schwindeleien, habe er Käufer, die betrogen werden sollten, bei Seite genommen und ihnen den Betrug entdeckt. Einer von diesen sei unanständig genug gewesen, ihn zu verraten, was ihm eine Tracht Prügel einbrachte, und im Tone des Vorwurfs hätten seine Eltern erklärt: der Junge wird nie für den Handel taugen. In der Tat, er habe eine tiefe Abneigung gegen ihn empfunden, und, sieben Jahre alt, habe er einen Eid gegen den Handel geschworen, wie ihn ähnlich Hannibal, neun Jahre alt, gegen Rom schwur: »Ich schwöre ewigen Hass dem Handel.«

Sind wir tatsächlich Opfer des Betrugs, dem Konsumterror einiger großer Herren ausgeliefert? Sind wir unfähig, uns der bunten Warenwelt entgegen zu stemmen? Umgeben von diesen 10.000 bedeutungslosen Dingen?

Die Technik ist heute in der Spätmoderne das agitatorische Sprachrohr der Verwirklichung von Sozialutopien. Das erträumte wirtschaftlich-soziale Paradies bleibt kein Versprechen für das mündige Subjekt in freier Konkurrenz, sondern wird zum Überschuss. Die Technik verändert alles. Die Konstruktion macht Nägel mit Köpfen und führt die Natur in eine Transmutation. Die Utopisten der Spätmoderne sitzen in Silicon Valley. Da sie selbst Unternehmer sind, bezieht sich ihr Freiheitbegriff eher auf eine Freiheit spezieller Interessen. Damit erweisen sich die Sozialutopisten als Handlanger der Reaktion. Jeder Wunschtraum versandet im belletristischen Nirgendwo ohne Würde und Freiheit. Konkurrenz der Träume ersetzt nicht den Traum vom menschlichen Glück selbstbestimmt und satt zu sein.

Insofern ist der Geist der Ökonomie im 21. Jahrhundert ein lebensunfähiger Homunculus, weil ihm der Körper fehlt. Ohne Körper gibt es keine würdevolle Autonomie und auch kein Glück befriedigter Triebe kann stattfinden: Es ist die Geburt des soulless consumer!
Während der Nürnberger Prozesse hielt Albert Speer eine bemerkenswert scharfsinnige Rede: „Die Diktatur Hitlers unterschied sich in einem grundsätzlichen Punkt von allen geschichtlichen Vorgängen. Sie war die erste Diktatur, die sich zur Beherrschung des eigenen Volkes der technischen Mittel in vollkommener Weise bediente. Durch die Mittel der Technik, wie Rundfunk und Lautsprecher, wurde achtzig Millionen Menschen, das selbstständige Denken genommen; sie konnten dadurch dem Willen eines Einzelnen hörig gemacht werden. Der Alptraum vieler Menschen, dass einmal die Völker durch die Technik beherrscht werden könnten, er war im autoritären System Hitlers nahezu verwirklicht.“
Der moderne Tyrann macht uns alle glücklich. Dann mag wohl das Paradies auf Erden herrschen. Aber wir sind nicht mehr autonom und nicht mehr handlungsfähig. Dies dürfte der Grund dafür sein, dass wir kein Gras essen können, sondern im Schweiße unseres Angesichts unser Brot verdienen müssen, bis wir wieder zu Erde werden.

Bernhard Horwatitsch https://www.literaturprojekt.com/




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Eine Antwort zu „Wessen Wille geschehe?”.

  1. Unum
    bene vixit vitas
    vult in re
    anima sciens nihil

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