NRA, Engels und die Hafermilch

Von Christian J. Bauer – Gesellschaft

NRA, Engels und die Hafermilch

Die National Rifle Association ist der Meinung, dass nicht Waffen Menschen, sondern Menschen Menschen töten. Im Angesicht der Technik bemüht die NRA also auch im 21. Jahrhundert das Bild des autonomen Bürgers und verteidigt damit ein aus europäischer Perspektive manisch anmutendes Freiheitsrecht: Der amerikanische Bürger darf seine Schusswaffen mit ins Bett nehmen, weil er es ist, der tötet.

Doch durch die Laken schleicht sich die Autorität in diesen Begriffsspagat, der Nenner also, unter dem sich ein fremder Wille subsumieren lässt, der die vermeintlich autonom um sich schießenden Bürger in ihrer Freiheit beschneidet: der Freiheit, keine Waffe tragen zu müssen. Man debattiert, ob Lehrer zum Schutz der Schüler Waffen tragen sollten, man schützt sich, weil die Freiheit Sicherheit kostet und dadurch zur Pflicht wird.

Bei Friedrich Engels findet sich eine Erklärung dieses Vorgangs in ökonomischer Hinsicht. Wenn das industrielle Wirtschaften und damit auch die Technik um sich greifen, verselbstständigen sich die Abläufe, in die der Mensch qua seines Wirtschaftens eingebunden ist. Die Dampfmaschine diktiert erbarmungslos den Takt der täglichen Arbeit, der Fahrplan kettet den Lokführer an eine ihm fremde Gewalt. Die Natur zum Ding erniedrigt und bis aufs Gerippe ihrer physikalischen Gesetze entblößt, werden die vermeintlich befreiten Menschen in ein selbst erschaffenes Getriebe gezwungen. Zahnrad-Existenzen sitzen in der Frühe fein aufgereiht in der Straßenbahn, eine jede auf dem Weg zu ihrem ausgesuchten Platz in der Maschinerie. Der durch die technologische Entwicklung verursachte Autonomie-Gewinn, der sich vor allem darin zeigte, dass immer weniger Menschen ihren Lebensunterhalt durch ihre Muskelkraft bestritten, wird also durch eine neue Form von Autorität einkassiert. Erstes Opfer der Industrialisierung und der mit ihr einhergehenden Arbeitsteilung ist die Muße. Dem Gras beim Wachsen zuzusehen, kann sich ein Bauer leisten, der sein Tagwerk verrichtet hat. Für Zahnräder gibt es kein Tagwerk, nur Funktionen. Ein Zahnrad kommt nie irgendwo an. Deshalb sieht auch nur ein Zahnrad einen Sinn darin, für den Acht-Stunden-Tag zu kämpfen.

Der Bürger, der die Freiheit besitzt, eine Waffe zu tragen, büßt ebenso jene dadurch gewonnene Autonomie ein, wenn auch der Nachbar, der Kellner und der Bandit mit prall gefülltem Holster herumstolzieren – das Tragen einer Waffe wird zur Notwendigkeit, aufgezwungen von einer sich verselbstständigenden Autorität. Zerschlagen kann diesen gordischen Knoten nur das Gewaltmonopol – also politische Autorität, die dieser verselbstständigten Autorität entgegengesetzt ist. Engels betrachtete die Autorität daher – konträr zu den Anarchisten seiner Zeit – als erforderlich bzw. gegeben, aller Revolution zum Trotz. Mit einer Ausnahme: In der Politik werde die Autorität gemeinsam mit dem Staate untergehen. Das Politische selbst werde aus den öffentlichen Angelegenheiten verschwinden, also das Für-und-Gegen Jemanden, denn in der klassenlosen Gesellschaft werden die Adressaten dieses Für-und-Gegen nicht mehr existieren.

Es gibt ihn noch, den althergebrachten Lobbyismus, wie ihn die NRA seit Jahrzehnten betreibt. Doch was wichtigere Fragen betrifft als den Inhalt des bürgerlichen Holsters, hat sich eine Autorität längst so weitreichende Autonomie verschafft, dass der engelsche Traum vom Absterben des Staates Wirklichkeit zu werden scheint. Das Dogma des unbedingten Wirtschaftswachstums und der es bedingende Konsum haben die Politik zum administrativen Gehilfen degradiert. Gleichzeitig wurden die Klassenunterschiede durch dieses Wachstum nicht aufgehoben, sondern aufpoliert. Engels Utopie ist damit einer Dystopie gewichen. Anstatt Politik durch die Abschaffung der Klassenunterschiede überflüssig zu machen, ist Politik überflüssig geworden, weil das Für-und-Gegen der politischen Auseinandersetzung sich im Wirtschaftskreislauf jenseits politischer Einflussnahme vollzieht – und die Klassenunterschiede so zementiert. Engels kannte für diese ökonomische Auseinandersetzung den Begriff der Konkurrenz, übersah aber deren quasipolitischen Charakter – und damit die Gefahr eines Absterben des Staates trotz fortgesetztem Klassenkampf. Der Staat stirbt im 21. Jahrhundert also nicht, weil die Klassenkämpfe an ihr Ende gelangt sind. Stattdessen wird die Politik als Regulator und Schauplatz des Klassenkampfes obsolet, weil die anonyme Autorität des Wachstums- und Konsumdogmas diese Funktion übernimmt, indem sie alle Beteiligten an ihrer Stelle im Getriebe hält – und Klassenkampf im Sinne einer offenen Auseinandersetzung über die Frage, wie wir leben wollen, kaum noch möglich scheint.

Die Symptome dieser Entpolitisierung politischen Handelns (im Grunde: der Simulation politischen Handelns) sind vielfältig. Wenn die ehemalige Bundesernährungsministerin lächelnd die Hand des Managers eines der größten Lebensmittelkonzerne der Welt schüttelt, weil sie einen »Verhandlungserfolg« feiern will, spricht daraus eine apolitische Haltung, die jeder Lobby und jedem Hinterzimmer zuvorkommt. Mit Konzernen über die Reduktion des schädlichen Zuckergehalts in ihren auf Kinderaugen und -herzen ausgerichteten Brausen zu verhandeln, anstatt ein entsprechendes Gesetz zu verabschieden, ist Ausdruck politischer Apathie. Ein solches Gesetz wäre politisch im strengen Sinne Engels, nämlich ein Schlag der Legislative ins Kontor derjenigen, die sich auf Kosten einer anderen Gruppe bereichern wollen – also Politik für und gegen Jemanden. In solchen Fragen zu verhandeln, bedeutet, niemandem mehr schaden zu wollen und beschwört das allgemeine Einverständnis aller – nach Engels das genaue Gegenteil politischen Handlungswillens.

Die dabei beanspruchte Universalität entstammt dem Reich der Moral, wo für Alle verbindliche Regeln gesucht und auf Herz und Nieren geprüft werden sollen. Jeder Versuch, diese Regeln auf politische Entscheidungen zu übertragen, scheitert jedoch an den realen und notwendig partikularen Interessen. Hinter dem Schleier des Nichtwissens können wir uns alle auf politische (oder eben nur: moralische?) Minimalforderungen einigen, weil die eigene Position unbekannt ist. Hebt sich der Vorhang, beginnt die eigentliche politische Auseinandersetzung und vorab aufgestellte, vermeintlich politische Prinzipien entpuppen sich als moralische Imperative, die nicht länger von Belang sind. Die Politik unserer Zeit gibt sich daher quasimoralisch, weil sie längst aufgehört hat, politisch zu sein.

Wo die maßgebliche Autorität aber nicht mehr politischer Natur ist, wird sie so allumfassend, dass sie dem Dampf der Dampfmaschine gleich alle zwingt, ohne noch Zwangsmittel nötig zu haben. In diesem Sinn wirken Wachstums- und Konsumzwang als Autorität, die keine Gegner mehr findet, sondern nur Zahnrädchen, die froh sind, sich unter ihrer Knute so lange drehen zu dürfen, bis neue Zahnräder herangeschafft sind, die schneller und zuverlässiger ihre Funktion übernehmen.

Wie im Fall des amerikanischen Rechts, eine Waffe zu führen, geben sich auch hier Freiheit und Unfreiheit die Klinke in die Hand. Der Politiker erfährt einen Gewinn an Autonomie, weil er vom Albdruck befreit ist, der seit jeher auf dem politisch Handelnden lastete, nämlich von der Verantwortung für die Bürgerinnen und Bürger. Im 21. Jahrhundert kennt sein Berufsstand kein richtig oder falsch mehr. Nur noch die Kategorie der Reibungslosigkeit, die sein administratives Geschick beschreibt und damit seine ausgesuchte Zurückhaltung meint sowie die Einebnung etwaiger Hindernisse für Wirtschaftswachstum und Konsumklima. Im Umkehrschluss sind jedoch seine Möglichkeiten zum eigentlichen politischen Handeln auf ein Minimum beschränkt. Das versetzt ihn in den Wartestand, von dem aus er der endgültigen Ablösung seines Berufsstands durch effizienteren Ersatz entgegensieht. Der Lackmustest für diese Diagnose zieht diese Ablösung vor: Ersetzte man die politisch Verantwortlichen durch ihnen ebenbürtige Algorithmen, ginge der politischen Sphäre im Ergebnis etwas verloren, das über die Simulation altbekannter, »demokratisch« genannter Abläufe hinausgeht? Worin läge der Unterschied?

Mit dieser Entwicklung gehen Engels so unbekannte Phänomene einher wie eine Verbrauchermoral, die das Apolitische und Verantwortungslose im Politischen mit dem Mantra aufzufangen und zu legitimieren versucht, dass Wohl und Wehe der Gesellschaft, der Tiere, ja des Planeten in den Händen des Verbrauchers lägen. Er allein entscheidet demnach tagtäglich über das Ausmaß der Klimakatastrophe oder der Ausbeutung, und zwar jedes Mal, wenn er den Supermarkt betritt oder seinen Browser öffnet. Natürlich ist auch die Verbrauchermoral eine Klassenmoral erster Güte. Schon allein, weil die Verschiebung der demokratischen Willensäußerung von der Wahlurne an die Supermarktkasse denen ein Mehr an »demokratischer« Macht zuschustert, die über den dickeren Geldbeutel verfügen. Gleichzeitig wird der radikalere Schritt, der Verzicht auf Konsum (gar nicht nach Australien zu fliegen, anstatt zusätzlich CO2-Ablassbriefe zu erstehen), zu einem Verzicht auf politische und moralische Teilhabe. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Sich den Flug nach Australien gar nicht leisten zu können, verspricht keinen moralischen Gewinn.

Wo politische Parteien tatsächlich noch auf Gesetze hinarbeiten, die politisch im Sinne Engels sind, betreiben sie paternalistische Politik, die sich dadurch auszeichnet, dass sie für und gegen dieselbe gesellschaftliche Gruppe konzipiert ist. Diesel-Fahrverbote sollen den einfachen Bürger weniger Schadstoffen aussetzen, aber zwingen ihn, sein altes Auto abzuwracken. »Veggie-Days« in Kantinen sollen die Ernährung des Bürgers gesünder und klimafreundlicher gestalten, schreiben ihm aber vor, was er zu essen hat. Auch diesen Knoten kann nur eine selbstbewusste Staatsmacht durchschlagen, die sich traut, ihre Gegner auf beiden Seiten des wirtschaftlichen Spektrums zu suchen.

Einzig dem Verbraucher wird also noch eine Art Moral untergejubelt (und mit ihr der schwarze Peter), die allerdings ebenfalls auf einem Wechselspiel von Autorität und Autonomie beruht. Unter dem Diktat, verantwortungsvoll zu konsumieren, wird der Konsum um eine Dimension der Befriedigung erweitert. Das Steak vom irischen Bio-Weiderind schmeckt nicht nur hervorragend, in seinem Preis ist die moralische Selbsterhöhung längst inbegriffen – und wohlweislich den privilegierteren Bürgern vorbehalten. Noch die Hafermilch, die aus nichts als wenig Hafer und viel Wasser besteht, aber keine Methangas ausstoßenden Wiederkäuer nötig hat, ist teurer als das tierische Pendant, weil sie a) eine bestimmte Zielgruppe hat und b) dem Konsumenten mehr verkauft als Hafer mit Wasser. Und daher tönt es: Grenzenloses Wachstum und grenzenloser Konsum töten weder Menschen noch den Planeten. Menschen töten.

Engels Kampf galt zeitlebens dem Privateigentum, auf dessen Grundlage sich eine besitzende Klasse überhaupt erst erheben könne, die in der Folge den Staat als Besitzstandwahrer ins Leben rufe. Diese (widerlegte) Genese des Staats lässt sich so deuten, dass mächtige Menschen eine politische Autorität erfanden, um eine andere, ihnen gefährlich werdende, moralische Autorität auszustechen: die von Engels idealisierte Autorität der sozial veranlagten Stammesgesellschaft. Eine Rückkehr zu dieser Form des besitzlosen Wirtschaftens kann nicht das Ziel sein, erst recht nicht auf Basis der von Engels propagierten Planwirtschaft. In dieser Hinsicht ist sein Denken heutzutage überholt. Doch seine Definition von Politik und die von ihm beschriebene anonyme Autorität des Sachzwangs liefern Anhaltspunkte, wie Politik im 21. Jahrhundert zunehmend operiert und warum dies abzulehnen ist. Das Absterben des Staates muss, mit und gegen Engels, verhindert werden, wenn die freiheitlich demokratische Grundordnung erhalten werden soll. Das Wirtschaftsleben bietet keinen Ersatz dafür, ebenso wenig die Moral. Dafür muss zunächst die Klassenmoral des ethischen Konsumierens aufgegeben werden. Das bedeutet vor allem, die Verantwortung für den Zustand unserer Gesellschaften und unseres Planeten von der individuellen auf die kollektive Ebene zurück zu verlagern: auf die politische.

Christian J. Bauer, Jahrgang 1989, studierte Sprachwissenschaft und Philosophie, machte sich als Lektor und Texter selbstständig und schreibt seit früher Jugend an allem, was mit Sprache zu tun hat. In der Literaturzeitschrift »Am Erker« erschien 2020 sein Debüt »September« und 2021 »Fitzgeralds dämliche Töle«, in »Mosaik« ebenfalls 2021 »Der Schieber«.

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2 Antworten zu „NRA, Engels und die Hafermilch”.

  1. Sehr starkes Essay, Chapeau. Bei Marx gibt es da noch die „trinitarische Formel“ in der die Trennung unmittelbarer Produzenten von den Produktionsmitteln zugrunde liegt. Hier wird der erwirtschaftete Mehrwert dann zwischen den Grundeigentümern (Grundrente) und der Kapitalistenklasse (Produktionsmitteleigentümer) aufgeteilt.
    Meine Frage an den Autor: Welche Optionen hätte ein politischer Agent die Trinität von Kapital, Grundeigentum und Arbeit in der Wertschöpfungskette aufzulösen, bzw. macht das überhaupt Sinn? Ist ein wenig rhetorisch – geb es ja zu.

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    1. Avatar von Christian Bauer
      Christian Bauer

      Besten Dank!
      Ich bin nun wahrlich kein Marx-Experte (noch Kommunist), würde aber ganz plump und basal zunächst mal damit anfangen, Arbeit deutlich geringer und Kapital, Grundeigentum sowie Erbe deutlich höher zu besteuern.
      Allein das Äußern eines solchen Vorhabens dürfte die von Marx bemängelte Verhüllung der realen Verbindung zwischen Arbeit auf der einen und Profit, Zins und Mieteinnahmen auf der anderen Seite kurzzeitig lüften. Man stelle sich die Talksendungen dazu vor …

      Gefällt 1 Person

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