Stufen der Moralentwicklung bei Lawrence Kohlberg

Bernhard Horwatitsch – Gesellschaft – Bewusstsein

Stufen der Moralentwicklung bei Lawrence Kohlberg

Der New Yorker Psychologe Lawrence Kohlberg (1927 bis 1987) untersuchte im 20. Jahrhundert den Zusammenhang zwischen Politik und Moral und er entwickelt mit Hilfe empirischer Daten ein Stufenmodell der Moral.

Kohlbergs Stufenmodell ist damit eine deskriptive, beschreibende Ethik. Er sammelte über 30 Jahre lang Daten und berühmt wurde hier das so genannte „Heinz-Dilemma“.

Heinz-Dilemma

In einem fernen Land erkrankte eine Frau schwer an einer besonderen Krebsart. Sie lag im Sterben. Es gab allerdings eine neue Medizin, von der die Ärzte glaubten, sie könne das Leben der Frau retten. Eine besondere Form von Radium war vor Kurzem entdeckt worden, allerdings extrem teuer in der Herstellung. Der Apotheker, der das erfunden hatte verlangte zusätzlich zehnmal mehr für das Medikament, weil er es schließlich erfunden hatte und daran verdienen wollte.

Der Ehemann der Frau hatte nicht genug Geld für das Medikament und sammelte bei Freunden. Er bekam aber nur die Hälfte des Geldes zusammen. Er bat den Apotheker, ihm das Medikament günstiger zu geben, schließlich lag seine Frau im Sterben. Aber der Apotheker lehnte ab. Er wollte verdienen und empfand das als sein Recht. Der verzweifelte Ehemann überlegte nun, ob er in die Apotheke einbrechen sollte, und das Medikament einfach stehlen.

Kohlberg befragte nun seine Probanden (in jedem Alter) und wollte vor allem die Begründung wissen, wie sie sich entscheiden würden. Er interessierte sich also nicht dafür, welche konkrete Entscheidung die befragten Probanden treffen, sondern vielmehr erforschte er die Argumentationslinien auf dem Weg zu ihrer Entscheidung.

Dabei kam er auf insgesamt sechs Stufen, auf drei Niveaus, die immer gleich waren. Er stellte fest, dass die Reihenfolge der Stufenentwicklung immer gleich war. Es werden keine Stufen übersprungen und Rückfälle kommen selten vor. Die letzten beiden Stufen aber werden von den wenigsten Erwachsenen erreicht.

Die ersten beiden Stufen nannte er präkonventionell. Sie kommen bei Kindern bis zum neunten Lebensjahr vor, bei einigen Jugendlichen und bei erwachsenen Straftätern.

Die Erste Stufe ist auf Vermeidung von Strafe ausgelegt. Moral reduziert sich auf Gehorsam. Beispiel: Wenn der Vater sagt, dass sein Kind um acht Uhr abends ins Bett soll, dann gehorcht das Kind mit der Begründung, dass der Vater es sonst bestrafen würde.
Also wenn Sie zum Beispiel von ihrem Vorgesetzten aufgefordert werden das Gesetz zu umgehen, werden Sie machen, aus Angst vor Bestrafung. Sie könnten es ebenso gut aus dem gleichen Grund nicht tun, aus Angst vor Bestrafung durch den Gesetzgeber.  Auf dieser Stufe interessiert Sie vor allem das Gesetz dem Sie gehorchen müssen. Mehr nicht. Was den Ehemann der kranken Frau angeht, könnte man auf dieser Stufe argumentieren, dass der Ehemann nicht in die Apotheke einbrechen soll, weil er sonst bestraft wird. Oder auch: Er sollte besser einbrechen, weil er sonst ja Sanktionen von seiner Frau befürchten muss.

Bei Bestrafung als moralisches Argument spricht man dann von einer negativen Konditionierung. Noch in der Bibel heißt es in Sprüche Salomos, Kapitel 13 Vers 24: „Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn bald.“
Wer seine moralische Entscheidung davon abhängig macht, ob er bestraft wird oder nicht, argumentiert wie ein kleines Kind und erweist sich als moralisch unreif.

Die zweite Stufe auf diesem Niveau erfasst zusätzlich zur Strafvermeidung noch die Aussicht auf Belohnung. Wenn das Kind pünktlich schlafen geht, wird der Vater mit ihm am nächsten Tag in den Zoo gehen. Hier geht es also um die zusätzliche persönliche Befriedigung, die durch Einhalten der gesetzten Moral entsteht.
Also wenn Sie die von Ihrem Vorgesetzten geforderte Straftat durchführen, bekommen Sie eine Bonuszahlung. Sämtliche Mitarbeiter des Bankwesens befinden sich auf dieser moralischen kleinkindlichen Stufe.  Im Heinz-Dilemma würde der Mann entweder die Medikamente stehlen und von seiner Frau belohnt, oder er erhofft sich eine Belohnung durch andere Protagonisten für seine Standhaftigkeit.
Kognitionspsychologisch ist dies eine positive Konditionierung. Wer seine Steuern ordentlich bezahlt wird vom Finanzamt nicht belohnt. Es wäre mal ein besonderer Anreiz, dass Steuerzahler die ihre Steuern immer ordentlich bezahlt haben mit einer Bonuszahlung belohnt würden. Doch ist hier Vorsicht geboten. In einer Studie mit Kindern ließ die Studienleiterin regelmäßig Gegenstände scheinbar unabsichtlich auf den Boden fallen. Die Kinder zeigten alle eine hohe Bereitschaft die Gegenstände aufzuheben und er Studienleiterin zurückzugeben. Ohne dafür belohnt zu werden. Einfach, weil Kinder nett sein wollen. Doch dann versprach die Studienleiterin den Kindern eine Belohnung (ein paar Gummibärchen) wenn sie die Gegenstände aufheben. Tatsächlich sank die Bereitschaft die Gegenstände aufzuheben um die Hälfte ab. Und die Kinder hatten schnell den Bogen raus. Ein paar Gummibärchen? Unter einer ganzen Tüte mache ich es nicht. Positive Konditionierung wird so zu einem Werkzeug der Akkumulation. Bedenkt man, dass Gewerkschaften alle so argumentieren wie kleine Kinder, dann fühlt man einen gewissen unangenehmen Nachgeschmack bei jeder Lohnverhandlung.

Auf dem konventionellen Niveau befindet sich nach Kohlberg ein Großteil der Jugendlichen und Erwachsenen. War zuvor die Moral sehr ich-bezogen (Bestrafung und Belohnung) kommt nun eine auf Gemeinschaft basierende Moral dazu.

Die dritte Stufe ist durch ein neues Bewusstsein über die Erwartungen der anderen geprägt. Die Moral basiert auf der Anerkennung der Peergroup. Good boy / nice Girl ist die Quintessenz dieser Moral. Man befolgt also moralische Regeln nicht mehr allein aus Angst vor Strafe oder Hoffnung auf Belohnung, sondern aus dem Gefühl heraus, dazu gehören zu wollen.
„In der spirituellen Pubertät geht uns auf, dass der große transzendente Horror die Einsamkeit ist, die Ausgeschlossenheit, die Einsperrung im Selbst. In diesem Alter würden wir alles dafür geben oder nehmen, jede Maske anlegen, um zu passen, um dazuzugehören, nicht allein zu sein, wir Jungen.“ – David Foster Wallace: Infinite Jest.
Im Falle der von Ihrem Vorgesetzten geforderten Straftat, werden Sie auf dieser Stufe der Moral davon bestimmt, ob Ihr Tun / Verhalten allgemein zur Gruppe passt. Sie handeln also aus Respekt gegenüber Ihren Kollegen so. Sie könnten hier aus Respekt gegenüber der Gruppendynamik auch anders handeln. Dann sind Sie entweder der Streber oder Karrierist, oder der gute, angepasste Kollege. Auf dieser Stufe ist der Maßstab Ihres Handelns der Selbstwert im Spiegel des sie prägenden Kollektivs und Ihrer Schuldgefühle gegenüber diesem Kollektiv. Findet Ihre Handlung Zustimmung oder stößt Ihr Handeln auf Ablehnung. Im Heinz-Dilemma ist klar, dass sein Handeln nicht von ihm bestimmt wird, sondern von der Anerkennung bzw. Ablehnung der Gruppe, der er sich verpflichtet fühlt.

Die vierte Stufe basiert auf der Erkenntnis, dass allgemeine moralische Regeln für das Zusammenleben der Menschen sinnvoll sind. Es hat die Bedeutung von Law and Order. Hier steht also das Bekenntnis zu sozialen Normen im Vordergrund. Gesetze sind notwendig, um den Erhalt der bestehenden Gesellschaft zu sichern. Hier anerkennt man die Gesetze einer Nation, der man sich verpflichtet fühlt und dessen Mitglied man ist. Es fehlt aber die innere Einsicht. Allgemeine Gesetze sind nicht immer moralisch. Ein höherer Sinn für Gerechtigkeit bleibt ausgespart.

Das postkonventionelle Niveau wird – nach Kohlberg – nur von einer Minderheit der Erwachsenen erreicht.  Moral des Einzelnen emanzipiert sich nun von den Erwartungen der Peergroup und der vorgegebenen Ordnung der Gemeinschaft. Unabhängige Standards werden wichtig.

Die fünfte Stufe sieht also eine freie Übereinkunft zum Vorteil der Menschen. Nicht jede Norm wird sofort anerkannt. Eine moralische Haltung entsteht, die eher das größte Glück der größtmöglichen Zahl präferiert. Dies nennt man dann Utilitarismus. Dass in diesem Fall kleinere, nicht privilegierte Gruppen benachteiligt werden zum Vorteil der größten Gruppe, ist allgemein Konsens.

Die sechste Stufe und damit höchste, ist eine Moral nicht nur die freie Übereinkunft anerkennt, sondern übergeordnete Prinzipien sucht, deren Ethik fundamental ist, wie die Achtung der unverletzlichen Menschenwürde.

Die Kritik an der Stufenmoral von Kohlberg war daher, dass darin nicht nur beschrieben wird, sondern durch die Stufenhierarchie sehr wohl auch normative Ethik betrieben wird. Vor allem ist die höchste Stufe deutlich Immanuel Kant und die fünfte Stufe Utilitarismus. Das würde die Anhänger von Stuart Mill oder Jerome Bentham doch kränken, dass ihre Moral auf einer unteren Stufe läge.

Auch ist es nicht immer so einfach; und Standards wie zum Beispiel die Achtung der Menschenwürde zeigen im Einzelfall erhebliche Verwerfungslinien auf. So ergaben sich zuletzt im Fall der Pandemie Situationen, die das gut demonstrieren. Eine Tochter konnte ihre im Sterben liegende Mutter auf der Intensivstation nicht besuchen und sich nicht von ihr verabschieden. Dies verletzte aus utilitaristischen Gründen die allgemeine Menschenwürde. Während der Utilitarismus einzelne opfert für das größere Kollektiv, opfert der höhere Standard einer allgemeingültigen Menschenwürde unter gewissen Umständen kulturelle Eigenheiten einer Minderheit. Diese Diskussion führen wir zum Beispiel bei der Praxis der Beschneidung von Genitalien aus religiösen oder quasireligiösen Gründen. In Teilen beschreibt Kohlbergs Studie durchaus die Moralen westlicher Industrienationen und zum anderen entwickelt sich daraus auch eine normative Ableitung einer Ethik. Inwieweit eine moralische Entscheidung von eigenen Interessen absehen muss, lässt sich nicht abschließend klären. Selbst der kategorische Imperativ von Immanuel Kant hat seine Schwachstellen, da Handle stets so, dass dein Tun jederzeit zu einem allgemeinen und gültigen Gesetz erhoben werden könnte, keine Handlungsanleitung für einen höheren Standard ermöglicht, da der Protagonist hier bereits vollständig in eine Moral eingetreten ist und sich nicht mehr von ihr abhebt. So wird die goldene Regel „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“ in jeder SM-Beziehung ins Absurde verkehrt. Der Masochist sagt: „Quäl mich.“ Der Sadist antwortet: „Nein“.

Positionen der Meta-Ethik

Der falsche Schluss von den Fakten auf ein Sollen.
Für den so genannten „naturalistischen Fehlschluss“ ist der schottische Philosoph David Hume verantwortlich (früher Aufklärer). Der Fehlschluss entsteht, wenn man feststellt „A ist Q“ und daraus schließt: A ist schlecht / gut.
Töten ist nach Paragraph 211 StGB verboten. Darauf folgt der Schluss, dass Töten schlecht sei. Aber Töten ist nach dem Kriegsgesetz erlaubt. Daraus folgt der Schluss: Töten ist gut. Daraus wird ersichtlich, dass ein Gesetz, ein Gebot, eine Maxime kein zureichendes Urteil zulässt.

Moral gibt es objektiv (Realismus)
Viele Ethiker vertreten diese Position, die behauptet, dass es moralische Einsichten gibt, die unabhängige Gültigkeit haben. Moral hat also wissenschaftlich erkennbaren Charakter. Unsere universalen Menschenrechte bauen darauf auf, dass sie ihre Allgemeingültigkeit beweisen können. Es wäre aber auch die Position von Religionen.

Moral wird nach objektiven Regeln entworfen (Konstruktivismus)
Ethiker, die diese Position vertreten, glauben, dass Moral von uns ausgedacht, entworfen wurde. Beispiel wäre hier die Aufklärung. Auch der Gerechtigkeitsphilosoph John Rawls (Beispiel „Schleier des Nicht-Wissens“) glaubt, dass wir uns selbst ganz unabhängig von Physik und Chemie eine Verfassung geben können. Hier fällt auf, dass diese Position selten von Fällen ausgeht, sondern Idealkonstellationen konfiguriert.

Es gibt keine objektive moralische Erkenntnis (Skeptizismus)
Der Skeptiker glaubt dagegen, dass moralische Aussagen gar keine faktische Richtigkeit haben können (Beispiel ist Niclas Luhmann, deutsche Soziologe 20. Jahrhundert). Es gibt keine moralische Wahrheit. Vielmehr ist jede moralische Aussage von der Kontingenz der miteinander kommunizierenden Systeme abhängig. Was für die Wissenschaft wahr ist, kann durchaus unrecht sein und so widerspricht die Theorie nicht selten dem Gesetz, und umgekehrt.

Moralische Erkenntnis sind nur die Wiedergabe individueller Einstellungen (Subjektivismus)
Der erste unter ihnen war der Grieche Protagoras (ca. 400 vor Chr.), der aufzeigte, das alles, was wir denken oder wissen letztlich nur das Individuum weiß. (Beispiele von Protagoras) Doch wie sollen wir so miteinander klar kommen? Der ethische Egoismus geht davon aus, dass ausschließlich das Streben nach dem eigenen Glück entscheidend ist. Max Stirner und John Henry Mackay (beide lebten im 19. Jahrhundert) sind Vertreter dieser Haltung. Die Idee darin: Wenn es mir gut geht und jeder sich um sein eigenes Glück kümmert (Anarchismus), dann ist für jeden gesorgt.

Moralische Normen geben nur kollektive Gepflogenheiten wieder (Relativismus)
Die Relativisten wiederum erkennen eine gewisse Wahrheit an, sehen darin aber eine allmähliche Entwicklung aus dem Kollektiv. Unsere moralischen Werte sehen Sie als Überlieferung von Bräuchen, Gewohnheiten und Absprachen an. Sie ähneln darin den Konstruktivisten.

Abschließend

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant sagte einmal: Gedanken ohne Inhalt sind leer. Begriffe ohne Anschauung sind blind. Goethe hat es fast noch schöner gesagt: Auf zweierlei Weise kann der Geist höchlich erfreut werden, durch Anschauung und Begriff. Aber jenes erfordert einen würdigen Gegenstand, der nicht immer bereit, und eine verhältnismäßige Bildung, zu der man nicht gerade gelangt ist. Der Begriff hingegen will nur Empfänglichkeit, er bringt den Inhalt mit und ist selbst das Werkzeug der Bildung. (Dichtung und Wahrheit)

Schon daher glaube ich nicht, dass wir jemals eine abschließende alle begründende Ethik finden werden, vielmehr sehe ich in dem Bestreben nach ethischem Handeln selbst das Ideal. Dazu bedarf es immer auch der Freiheit nicht gut zu handeln wider besseres Wissen, wie das Schelling einst als Urgrund des Bösen implizierte. Das mag ein christliches Weltbild darstellen, aber in der Freiheit sehe ich den Suchstein nach moralischem Handeln.

Bernhard Horwatitsch https://www.literaturprojekt.com/




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