Das Aquarium auf dem Mars

Von Thyra Thorn – Gesellschaft – Bewusstsein

Das Aquarium auf dem Mars

Fremde Systeme

Mein Vormieter hat sein Aquarium zurückgelassen. Seither hat sich niemand besonders darum gekümmert. Die Scheiben und Geräte, Boden und Steine sind von dicker, grüner Pflanzenwatte überzogen.

Eine Zeitschaltuhr regelt in vorgegebenem Rhythmus die Beleuchtung. Eine Pumpe surrt leise, die Strömung treibt Algenfäden durch das Wasser. 

Doch Licht, Wasser, Sauerstoff und Pflanzen scheinen einander genug zu sein. Das Wasser riecht nicht faulig. Die Maschinen halten ein System am Leben, das wenig Bezug zu diesem Zimmer, dieser Wohnung hat, zu dem Menschen, der hier lebte.

Es könnte eben so gut auf einem anderen Planeten stehen.

Mars

Der uns nächstgelegene terrestrische Planet ist der Mars. Rein optisch würde sich das Aquarium dort gut ausmachen. Das von einer Solarlampe beschienene leuchtende Grün würde sich eindrucksvoll vom roten Sand der großen Wüsten abheben, vom orangenen Himmel, an dem ab und an die zwei Monde Phobos und Deimos auftauchen. Vielleicht sollte man das Glasgeviert auch auf der Spitze des Mons Olympus, des höchsten Vulkans des gesamten Sonnensystems platzieren. Dort könnte die Mars-Sonde Hope der Vereinigten arabischen Emirate mittels einer hochauflösenden Kamera den kleinen leuchtend grünen Punkt ausmachen, insbesondere, wenn die Wissenschaftler wüssten, wonach sie Ausschau halten müssten.



Vom marsianischen Tal aus gesehen wäre der grüne Wasserkasten nicht sichtbar, von wem auch? Welche Farben werden auf dem Mars von welchen Augen wahrgenommen?

Welches Leben herrscht auf dem Mars?

Es gäbe ein paar Möglichkeiten: Tief im Boden lebende Mikroben könnten die Anwesenheit von extramarsianischem Leben spüren, oder bestimmte Pilze und Flechten, beziehungsweise das Marsbiom in seiner Gesamtheit könnte auf die von Wärmepumpe und Wasserfilter ausgehende elektrische Energie reagieren – in welcher Form auch immer.

Oder Pilze und Flechten, deren Existenz von Wissenschaftlern  ebenso für möglich gehalten wird, bewegten sich auf den gläsernen Behälter zu. Ähnlich dem terrestrischen Schleimpilz Blob sammelten sie in quasi intelligenter Art Informationen über den fremden Behälter, umfingen ihn zunächst, überwucherten ihn und verleibten ihn sich ein.

Algen und Rost

Einige Filmemacher sehen in Algenkulturen auf dem Mars die Grundlage der Sauerstoffproduktion und somit Schaffung einer Atmosphäre, in der der Mensch würde atmen können. So im Jahre 2001 im Film Red Planet. Doch scheitert die gesamte Mission einschließlich der Algenproduktionund nur dank eines Kommunikationselementes in der 1997 gelandeten Pathfinder und einer alten russischen Marssonde gelingt es dem letzten Überlebenden, den Planet zu verlassen. Auch im Film Stowaway – Blinder Passagier (2021) werden vergebliche Hoffnungen in die Algenzucht gesetzt. Die Algen sterben ab und Sauerstoff kann auf diesem Weg nicht gewonnen werden. Im Film Terraformers (2021) allerdings verhelfen sie den gleichzeitig ausgesetzten Kakerlaken zu beeindruckender Kraft und Größe.

Es gibt auch ernsthafte wissenschaftliche Ansätze zum Thema  Algenzucht auf dem Mars: Klaus Slenzka, Leiter des Bereichs Life Sciences beim Bremer Raumfahrtunternehmen OHB verweist in diesem Zusammenhang auf den praktischen Nutzen von Algen für  Fernreisende „mit einem strengen Gepäcklimit. Sie eigneten sich gut als Beimengung, um in 3-D-Druckern Ersatzteile zu formen. Denn bei einer Marsmission wäre es unmöglich, tonnenweise Ersatzteile mitzunehmen. Mit 3-D-Druckern hingegen könnte die Crew Ersatzteile produzieren, wenn sie sie braucht.“1

Zwar müssten die Astronauten die Bioplastik-Grundmasse mitnehmen, könnten aber mit der Alge bis zu vierzig Prozent des mitgebrachten Rohstoffes einsparen. „Noch besser: Werden die gedruckten Gegenstände nicht mehr gebraucht, könnte die Besatzung sie schreddern und in den Kreislauf zurückgeben“. 1

Die Hoffnung der Filmemacher und Wissenschaftler auf Leben und Überleben auf dem Mars basiert zum großen Teil auf der Tatsache, dass der Planet sich in seiner exzentrischen Umlaufbahn immer mal wieder innerhalb eines für den Menschen lebensfähigen Habitats bewegt. Immerhin hat es während der Sonnenperiode des siderischen Tages (Sol) nahe dem Äquator etwa 20 Grad, bevor die Temperaturen in der Marsnacht auf bisweilen weit unter minus 80 Grad fallen.

Es gelte also nur die lebensfeindlichen Perioden zu überstehen. Vielleicht tief im Inneren des rostigen Eisenplaneten, dessen Oberfläche so viele Spuren der Vergangenheit trägt, dass er uns Menschen vertraut vorkommt? So vertraut, als gehöre er uns schon in irgendeiner Weise, oder warte auf die Wieder – Inbesitznahme?

Obwohl das Eisen infolge eines Kontakts mit Sauerstoffgas – das seinerseits durch die Spaltung von Kohlendioxid entsteht – , durch den Einfluss von Wasserstoffperoxid oder die Verbindung einzelner Körner in Boden und Staub mit der Marsatmosphäre hätte oxidieren können, wird als mögliche Ursache gern eine Reaktion des Eisens mit Wasser unter dem Einfluss von ultraviolettem Licht angenommen.

Zeugen geologische Formationen auf dem Mars mit mäandernden Verläufen und breitgefächerten Deltas etwas nicht von einstigen Flüssen? Zeugen Funde von Wassereis an den Polkappen etwa nicht davon, dass die alte Wasserwelt doch noch nicht gänzlich vergangen ist, man sie wiederbeleben und erfolgreich kolonialisieren könnte?

Wasser und Leben

Der Wasserkreislauf auf dem Mars ist nicht mit dem terrestrischen zu vergleichen. Es gibt kein Verdunsten, keine Kondensation zu Regentropfen, keinen Niederschlag.

Die Atmosphäre ist zu dünn, als dass sich das Wasser in flüssiger Form halten könnte. Auch wenn im Sommer Wassereis an den Polkappen schmilzt, verwandelt es sich unmittelbar in einen gasförmigen Zustand. Wegen der niedrigen Temperaturen gefriert es zwar in höheren atmosphärischen Schichten zu Eis und verbindet sich mit Staubpartikeln. Ein großer Teil wird jedoch von Sonnenwinden davongetragen und geht im Orbit verloren. Das Magnetfeld des Mars ist zu schwach.

Und doch zeigten sich Wassertröpfchen auf der Raumsonde Phoenix. Eine Erklärung dafür wäre, dass der Gefrierpunkt nur durch die darin gelösten Perchlorate weit genug heruntergesetzt und auch das Wasser im subglazialen See unter einer der Polkappen vermutlich nur durch die Salzbeimengungen in flüssigem Zustand gehalten werde.

Obwohl also zum jetzigen Zeitpunkt die Hoffnung auf fließendes Süßwasser auf dem Mars verschwindend gering ist, wird sie doch permanent aufrechterhalten und durch das Beschwören früherer Zeiten befördert.

Einst war doch der Mars warm und freundlich, nicht wahr?

Bilder von großen Wasserflächen auf dem Mars werden gezeichnet und die Erinnerung an lebendige Zeiten haftet dem erkalteten Planeten an. Der Traum vom Wasser ist eben noch lange nicht ausgeträumt. Vielleicht versteckt es sich nur tiefer im Inneren, dorthin, wo die Eiseskälte nicht dringt?



Wo im Universum gäbe es daher einen besseren Platz für flüssiges Süßwasser, wo ein besseres Zeichen für die Hoffnung auf menschliches Leben und Überleben als ein Aquarium? Eines, das mit einem Druckbehälter, UV-Filter, Photovoltaikzellen, Wasserpumpe und -filter, Lichtquelle, Heizung und allem sonstigen notwendigen Zubehör ausgestattet ist?

Aquarium

In dem Quader Wasserwelt, aus den Tiefen eins Sees in mein Zimmer geholt, wuchert die Süßwasseralge Chlorella vulgaris. Die Pflanzen geben ab und an den Blick auf einen schmalen lebhaft roten Strich frei, der wie ein Komma einen Satz in zwei Hälften teilt.

Eine rubinrote Garnele liegt am Boden. Sie scheint tot zu sein, müsste doch eigentlich nach all der Zeit tot sein. Ihr Körperchen neigt sich, folgt vermutlich der Strömung. Von der Seite betrachtet, wirkt sie voluminöser, der segmentierte Panzer ist gekrümmt, das Schwänzchen eingezogen. Kein Komma mehr, eher ein flaches „U“.

Daneben ziehen ein paar Schnecken ihre Bahn durch den Algenteppich.

Als ich einen Großteil der Algen entfernt, Steine gewaschen und Scheiben freigekratzt habe, finde ich fünf weitere Garnelen, die, ebenso wie die zuerst entdeckte, plötzlich zum Leben erwachen und durch das Aquarium huschen. Ich lasse für sie einen Teil des grünen Bewuchses stehen. Die nunmehr reduzierte Pflanzennahrung stocke ich dafür mit Garnelenfutter auf. Einem Bild im Internet folgend, auf dem sich zirka fünfzehn Garnelen über ein Stück Gurke hermachen, klemme ich eine kleine Scheibe des Fruchtgemüses zwischen zwei Steine.

Am nächsten Tag stinkt das Wasser.

Ich schöpfe also das Garnelenfutter wieder ab und entferne den völlig unberührten vegetabilen Leckerbissen. Nach zwei Tagen riecht es wieder gut.

Etwas konsterniert muss ich feststellen, dass mein Eingriff in das System die Situation verschlechtert hat, ich also im Hinblick auf das aquatische selbsterhaltende Ökosystem – es ist anzunehmen, dass Pilzgeflechte den Pflanzen Phosphor, Eisen, Kalium und dergleichen liefern und sie so zur Fotosynthese befähigen – völlig überflüssig und als Mensch keineswegs causa et motor mundi bin.

Die Fremde

Würden wir das Aquarium auf den Mars stellen, 2033 oder besser noch am 2. August 2048, so hätten wir es mit dem Zusammentreffen zweier fremder Systeme zu tun.

Sie sind uns fremd, weil sie im Wesentlichen unabhängig vom Menschen sind. Das Aquarium ist zwar in seiner äußeren Form von uns gestaltet, läuft aber dann quasi „wie von allein“ und symbolisiert eine Unterwasserwelt, die außerhalb des Menschlichen existiert, in der wir Menschen ohne Hilfsmittel nicht leben können.

Die Welt auf dem Mars ist von uns soweit entfernt, so lebensfeindlich und anders als unsere, dass sie sozusagen „an Fremdheit nicht zu überbieten“ ist.

Trotzdem wollen wir dorthin.

Warum?

Weil wir Menschen sind und unsere Sicht der Welt durch und durch anthropozentrisch ist. Was außerhalb unserer menschlichen Erfahrung liegt, ist für uns schwer bis gar nicht vorstellbar und fast nicht erträglich. Zumindest muss das Außermenschliche einen Bezug zum Menschlichen haben. Es sollte ihm ähnlich sein, es ergänzen oder aber den Gegenpol bilden. Auch will sich der eitle Homo sapiens in ihm spiegeln können.

Oder aber wir denken nicht weiter über das Fremde, das Außermenschliche nach, sondern instrumentalisieren es für unsere Zwecke. Es muss handhabbar, benutzbar, besiegbar und uns untertan sein. Als wir einst „fremde“ Gebiete auf der Erde kolonialisierten, hielten wir die dortigen Einwohner nicht für Menschen und richteten furchtbare Gräuel an.

Kolonisation des Mars

Im Hinblick auf die Kolonisation des Mars gibt es sehr abstruse Vorstellungen. Die Idee des „Terraforming“ meint die Umformung des Mars in einen von Menschen bewohnbaren Planeten, u.a. die Erhöhung der Marstemperatur mit Mitteln, die wir bereits beherrschen: „Die wohl einfachste Methode wurde 1991 von einem Team um Christopher McKay vom NASA Research Center entwickelt. Fabriken sollten riesige Mengen an FCKW-Gasen in die Atmosphäre ausstoßen und so den Treibhauseffekt ankurbeln, der dann zum Schmelzen der Polkappen und gefrorenem Gestein führt.“2           

Andere geplante Eingriffe scheinen für den Mars weniger gravierend.

Als 2013 die private Stiftung Mars one zur Besiedelung des Mars aufrief, meldeten sich 200000 Personen für ein One-Way-Ticket an. Sie sollten dort den Rest ihres Lebens verbringen, ohne die Chance zur Rückkehr zu dem bläulich schimmernden Punkt im All, der ihnen bis dahin Heimat war. Diese Menschen wirkten nicht suizidal, sondern freuten sich darauf, die ersten auf dem Planeten zu sein und die menschliche Besiedelung des Sonnensystems zu initiieren. Entdeckerfreude, Neugier, der Wunsch, das Unbekannte zu erforschen und der Menschheit einen Dienst zu leisten, aber auch der Kolonisationsgedanke, also die Unterwerfung des Fremden wischten alle anderen Überlegungen hinweg.

Seriöse Raumfahrtunternehmen hingegen distanzierten sich sofort. Es existieren zurzeit weder wissenschaftliche Möglichkeiten noch technische Voraussetzungen, Menschen das Überleben auf dem Mars zu ermöglichen – egal wie reich sie auf Erden sind.

Das Unternehmen Mars one wurde zum finanziellen Desaster und aufgegeben.

Resümee

Menschen werden auf den Mars fliegen, weil sie Grenzen überwinden wollen, weil sie von der Eroberung des Weltalls träumen, weil sie höher fliegen wollen, als jemals zuvor, oder einfach, weil sie es können – egal wie gering der Nutzen angesichts der großen Gefahr für die Astronauten sein wird, des ungeheuren Aufwandes an Ressourcen und Zeit und der wenigen Möglichkeiten, die sich damit eröffnen werden. Mit Rationalität hat das wenig zu tun.

Was also soll der erste Mensch, der voraussichtlich im Jahr 2048 für sehr kurze Zeit, vielleicht nur für einen Sol, seinen Fuß auf den Mars setzt, dort tun?

Soll er wieder eine nationale Fahne als Zeichen der Inbesitznahme in den Boden rammen, die dann vielleicht von der nächsten Crew durch die Flagge einer anderen Nation ersetzt wird? Sollte er eine LGBTQ+ Fahne hießen? Oder eine Art Erdenflagge?

Nein, so ein Bild wollen wir nicht noch einmal sehen, denn rückblickend war bereits das Fahnenhissen auf dem Mond eine eher peinliche Angelegenheit!

Es sollte aber etwas sein, dass KI und ferngesteuerte Roboter nicht erledigen können. Etwas Nichtrationales, etwas Menschliches, etwas, das uns als phantasiebegabte Wesen voller Träume und Emotionen auszeichnet.

Der erste Mensch auf unserem Nachbarplaneten könnte aus dem Gedanken heraus handeln, dass die Alienität des Planeten, die vollkommene Fremde, etwas Wertvolles ist, das ihm die Sprache verschlägt, ihm Ehrfurcht einflößt. Er könnte den Schauder vor dem Rätsel des gänzlich Anderen als lustvoll und gleichzeitig erhebend empfinden, als einen Moment der tiefen Einsicht.

Der radikalen Fremde des Mars könnte er – wenigstens für einen kurzen Moment – nicht mit Robotik, Wissenschaft und sonstigen Techniken der Weltbeherrschung entgegentreten, sondern ihr mit Kunst und Ästhetik huldigen.

Ich plädiere dafür, dass der/die Raumfahrende ein Aquarium auf den Mars stellt, für eine künstlerische Anordnung desselben sorgt und es als eine Form der interstellaren LandArt dokumentiert.

Ich versteige mich zu der Hoffnung, dass die zweckfreie Schönheit eines grünen Aquariums auf einem rostroten Planeten uns vom Kolonialismus heilen kann, vom Zwang, alles beherrschen und instrumentalisieren zu müssen – und gleichzeitig den Blick auf unseren Heimatplaneten verändert. Denn schließlich müssen wir danach unsere Schnecken und Garnelen wieder nach Hause bringen. 

Anmerkung:

1 Weltraumgrün: Grüne Helfer im All

(Text: Peter Michael Schneider)

https://www.pm-wissen.com/weltall/a/weltraumgruen-gruene-helfer-im-all/14416/

2 Wikipedia Marskolonisation


FLORIANA 2020, Samstag, Im Bild: Tina Schmid/Thyra Thorn (D)

Bild: Fotonachweis Floriana ©  FOTOKERSCHI.AT / KERSCHBAUMMAYR


Thyra Thorn ist Ethnologin (M.A.), bildende Künstlerin  und Autorin, seit 2016 Mitglied im deutschen Schriftstellerverband. Sie schreibt für österreichische, deutsche und schweizerische Literaturzeitschriften und Kulturjournale. Ihr neuester Roman: „Luxus?“ ist im April 2022 im PänK Verlag herausgekommen.

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