Von der komplizierten Normativität der Kunst

von Bernhard Horwatitsch – Gesellschaft – Kultur

Von der komplizierten Normativität der Kunst

„Derjenige Geschmack ist gut, der mit den Regeln übereinkömmt, die von der Vernunft, in einer Art von Sachen, allbereit fest gesetzet worden.“ – Johann Christoph Gottsched, Versuch einer critischen Dichtkunst

In meinen kreativen Schreibkursen habe ich inzwischen eine Art Mantra entwickelt. Immer wieder betone ich, dass das Koordinatensystem  richtig oder falsch in der Kunst ohne Bedeutung ist. Manchmal erregt das den Widerstand der Teilnehmer, die sehr darauf gieren, von mir Regeln zu bekommen die sie dann eben „regelmäßig“ anwenden könnten.
Mein Kompromiss ist, dass ich ihnen solche Regeln als technische Optionen gebe. Natürlich hat die Kunst Regeln. Aber diese Regeln sind ihr gar nicht immanent. Die ersten Auftraggeber des Künstlers waren Priester und Könige. Tempel und Hof forderten keine Originalität und fürchteten jede Neuerung und Abweichung vom Herkömmlichen. Könige erhofften sich von der Kunst den Kult um ihre Person zu stabilisieren, ihre Macht repräsentativ darzustellen. Die Priester benötigten Rituale, Totenkult und transzendente Gottesdarstellungen die sich verstetigen und so die Macht der Priester stabilisierten. So wurden Regeln geschaffen und als unantastbar überliefert. Wer von diesen Regeln abwich musste scheitern. Es war entweder Dilettantismus oder Blasphemie. Vielleicht hat es eine Kunst zu rein ästhetischen Zwecken nie gegeben. Vielleicht ist autonome Kunst als Selbstzweck nur ein romantischer Traum. Doch so wie individuelle Träume auf das seelische Binnenwerk des träumenden Individuums verweisen, verweist auch der kollektive Traum einer ästhetisch motivierten und als Selbstzweck entstehenden Kunst auf das seelische Binnenwerk einer Gesellschaft.  Die zunehmende Individualisierung in unseren gesellschaftlichen Strukturen hat diesen Traum insofern befeuert, als der einzelne Künstler sich stärker mit seinem Werk identifizierte, als es das bloße Handwerk zulässt. Die Säkularisierung und Abschaffung der Höfe fand allerdings nur äußerlich statt. Heute spricht man vom freien Markt als Chimäre. Er existiert nicht, hat nie existiert. Waren die Tempelwerkstätten traditionell die besseren Schulen, so etablierten sich die höfischen Manufakturen als Geschmacksdiktaturen. Der Markt, privater Luxus und allgemeiner Geschmack werden vom Kunstverständnis einer Elite präjudiziert. Das ist bis heute der Fall. Es gibt keine Tempel, keine Höfe mehr. Aber in den Köpfen existieren sie weiter.

Zu lange gab es eben Tempel und Höfe. Eine autonome und freie Kunst, eine Kunst die machen kann was sie will, ist mindestens so erschreckend, wie eine Gesellschaft die machen darf was sie will. Die Angst vor der Freiheit ist daher nicht nur eine politische Angst, sondern auch eine ästhetische Angst. Selbst für Künstler ist es schwer auszuhalten und erzeugt immer eine innere Spannung. Die Sehnsucht nach einem Auftraggeber auf der einen Seite ist ein Versprechen für Sicherheit und Stabilität. Die Sehnsucht nach der eigenen Verwirklichung, tatsächlich nur das zu schaffen was in einem aufgeht, ist ein Versprechen der Lust. Erlaubt ist was gefällt? Erlaubt ist was sich ziemt. Regeln geben uns daher Orientierung und Stabilität. Sie ohne Not zu brechen? Wozu? Doch sind die Regeln aufgestülpt, nicht wirklich gewollt, lediglich Vorgaben einer dominanten außerkünstlerischen Sicht. Kunst lebt in diesem Spannungsverhältnis und wird so herausgefordert, Regelbrüche zu legalisieren. Das ist ein Widerspruch in sich. Denn so kann man keine Regel brechen, ohne eine neue zu schaffen. Eine der bedeutendsten Energien der Kunst bleibt auf der Strecke. Chaos wird mit Willkür verwechselt. Doch Chaos eröffnet uns neue Perspektiven.
Heutiges Kunstverständnis unterstellt der Kunst Originalität. Auch das erzeugt beim Künstler ein Spannungsverhältnis. Denn es ist paradox. Sobald diese Originalität ein Maß erreicht von dem man erst sagen kann, es sei originell, könnte das niemand wissen. Denn das Kunstverständnis orientiert sich an Regeln. Originalität ist so schlicht unmöglich. Denn man kann nicht ein bisschen originell sein. Genau das aber fordert das moderne Kunstverständnis. Corporate Design ist nicht gleich bedeutend mit der Anagnorisis. Denn im Wiedererkennen geht es um eine peripatetische Wirkung. Corporate Design erzeugt keine Wirkung, sondern Gewöhnung. Das aristotelische Motiv der Wiedererkennung (Anagnorisis) erzeugt eine Katharsis. Und Katharsis löst und erlöst uns. Vielleicht ist die Kunst daher so begehrt gewesen bei den Priestern und wurde von der Religion so nachhaltig instrumentalisiert. Auch den Königen muss dieser Gedanke gefallen haben. Aber Priester und Könige haben ihn gar nicht verstanden. Die transzendente Wirkung der Katharsis ist keine Regel die man durchführen kann. Was in uns Kunstkonsumenten Furcht, Mitleid, Angst, Freude, Erhabenheit, Erschütterung auslöst ist nicht durch Regeln zu schaffen, sondern durch das genaue Gegenteil. Der Durchbruch einer Regung gelingt nicht ohne Widerstand. Eine weitere Paradoxie einer Kunst, die sich der Dominanz von Regeln ausgesetzt sieht, Regeln die sie einhalten muss, um überhaupt ihren Weg aus der Werkstatt zum Bazar finden zu können, und andererseits auf dem Bazar nur dann für Aufsehen sorgt, wenn etwas mit dieser Kunst nicht mehr stimmt. Wer seine Stimme derart erhebt, kann ja wird für Verstimmung sorgen. Genau diese Spannung macht die Kunst aus, ja liegt schon in ihren prähistorischen Wurzeln, als erste Tiergestalten des Paläolithikums so echt erschienen und da waren, dass die Unterscheidung zwischen Form und Inhalt verschwamm. Bis heute ist die Auseinandersetzung diesen beinahe immer gleichen Inhalt in neue schockierende Formen zu bringen und zugleich dem Inhalt diese Form zu untermischen, die Herausforderung der Kunst. Weder Schönheit noch Selbstzweck bestimmen die Kunst als autonome Gewahrwerdung des Seins, auch nicht Regelhaftigkeit und Stabilität im Ausdruck, sondern das Wunder des Lebens, das das immer Gleiche schafft und jedes Mal neu ist. Die ästhetische Dimension der Kunst ist nicht politisch. Sie ist im weitesten Sinne transzendent. Ihre spirituelle Kraft wird in der Natur am wirkungsvollsten immer wieder offenbar. Im Laufe der Jahrtausende schufen wir uns eine zweite Haut, eine zweite Natur, einen Habitus aus unserem Vermögen uns in die Natur zu mischen. Dieses Alleinstellungsmerkmal des Menschen zeigt sich in seiner Wucht die Formen und die Formeln des Lebens zu deuten und zu überformen. Die schöpferische Macht des Menschen erschafft Regeln, ja, aber  immer auch ihr Gegenteil. Kunst ist daher nur sich selbst unterworfen und hat sich gegen die Herren aufzulehnen. Das haben die Priester und Könige bis heute nicht verstanden.

Bernhard Horwatitsch https://www.literaturprojekt.com/




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