Der Blick ins All und ins Sein

Ein Gespräch mit der Schriftstellerin Misha Sommer

Bewusstsein – Gesellschaft – Kultur

Zitat Misha Sommer:

„Wir haben es in der Hand. Wollen wir, dass Nihilisten unsere Welt regieren, Menschen, welchen das Leben egal ist, weil nichts einen Wert hat – Außer vielleicht die Sinn-Substitute namens Macht und Geld? Oder möchten wir auf diesem Planeten eine globale Gesellschaft werden, die sich für Fairness und Solidarität einsetzt? Je mehr wir allen Menschen zu Bildung und Stabilität verhelfen, desto mehr werden diese der Gesellschaft auch etwas zurückgeben können, das uns alle letztlich weiterbringt. ⁠Und so werden wir letztlich sogar noch weiterkommen als „nur“ bis zum Mars.⁠

„Liebe Misha Sommer, Sie als All-Expertin, Philosophin, Schriftstellerin, Künstlerin und Ökonomin, was meinen Sie, warum ist es wichtig für die großen Menschheitsfragen ins All zu schauen?

Zunächst vielen Dank für Ihre interessanten Fragen und die Einladung zu diesem Interview.

Eines vorweg: So gerne ich dies auch wäre, bin ich bei weitem keine All-Expertin, sondern einfach als Laie sehr am Thema interessiert. Ein grosser Fan bin ich beispielsweise von der TV-Sendung „Alpha Centauri“, in welcher der Astronomie-Professor Harald Lesch viele Weltall-Themen sehr unterhaltsam und gut verständlich erklärt. 

Doch genau dies ist auch ein wichtiger Aspekt: Wir Durchschnittsbürger brauchen keine All-Experten zu sein, um uns fürs Universum zu begeistern. Wichtiger ist vielmehr eine gewisse Neugier und Offenheit gegenüber dem Thema. 

Um Ihre Frage zu beantworten, weshalb wir ins All schauen sollten: Weil sich aus der tiefen Erkenntnis, wo wir uns eigentlich befinden, so viele Dinge ableiten, die zu etwas Gutem führen können. Es ist im täglichen Leben einfach, das Weltall zu ignorieren. Zuweilen mag mal etwas unsere Aufmerksamkeit erlangen, dann beispielsweise, wenn die NASA einen Asteroiden aus seiner Bahn wirft. Doch oft ist es nurmehr eine Floskel, wenn wir von der „kleinen, blauen Murmel“ sprechen. Fotos und Videos der Erde sind heute keine Sensation mehr und wir sind wohl übersättigt von den vielen Bildern. Da muss schon etwas Neues, Kraftvolles her wie die Aussicht auf eine baldige Expedition zum Mars oder gar der Traum von interstellaren Reisen. Doch obschon ich von Science-Fiction und Zukunftsvisionen sehr angetan bin und sie inspirierend finde, geht es mir zudem um einen anderen, viel bodenständigeren Grund. Kürzlich flog William Shatner, der ehemalige „Star Trek“-Darsteller und Weltraum-Fan, für 10 Minuten ins All. Die Rakete erreichte eine Flughöhe von über 100 Kilometern. Doch offenbar war das Erlebnis alles andere als erhebend für ihn. Er wurde tieftraurig. Weil er beim Anblick des Weltalls nur Kälte und Tod sah. Das Leben spielt sich unten ab, auf der Erde. Dort, wo sich das Blau der Gewässer befindet, das Grün der Bäume, das Licht von Städten. Wo Tiere und Pflanzen gedeihen. Und wir, diese hochentwickelten, sozialen Lebewesen. Die Erde: der schönste Ort der Welt. Buchstäblich. Würde die NASA etwas Vergleichbares auf einem anderen Planeten finden, wäre dies eine Sensation, welche alle Nachrichtensendungen und Zeitungen komplett vereinnahmen würde. Doch die Brisanz unserer eigenen Existenz verkennen wir. Diesen kleinen, blauen, zarten Ort voller Leben nicht zu würdigen, ihn stattdessen auszubeuten oder gar mit seiner Zerstörung zu drohen, ist ein Skandal.

Bei Ihrem Blick ins All und Ihr Anfang und Ende-Verständnis. Wie sehen Sie generell die derzeitigen Europäischen und Probleme der Welt?

Was derzeit in der Ukraine geschieht, ist eine Tragödie, der ich mit Worten nicht gerecht werden kann. Jeder kriegerische Konflikt ist letztlich inakzeptabel, jedes Versehren oder gar Auslöschen von Leben ist schrecklich. Egal, in welchem Land und aus welchen Gründen. Das Unrecht auf der Welt ist endlos. Und zeitlos. Ob es Menschen betrifft, welche im Mittelalter als Hexen verbrannt wurden, Ureinwohner eines Landes, die man unterdrückt oder auch Menschen, deren Umweltprobleme wir verursachen. Die Liste lässt sich beliebig fortführen. Und dabei spielt es keine Rolle, ob wir Böses tun oder uns einfach nicht um das Gute kümmern, das nötig wäre, um das jeweilige Problem zu lösen. Doch abgesehen vom menschlichen Leid und der Ungerechtigkeit an und für sich, gibt es noch einen weiteren Aspekt, welcher solche Missstände betrifft: die Opportunitätskosten. Ein Begriff aus den Wirtschaftswissenschaften. Es geht darum, dass aufgrund eines bestimmten Umstandes X indirekt auch ein gewisser Nutzen Y nicht zustande kommt. Wenn beispielsweise ein Kind nicht zur Schule gehen kann, weil es für seine fünfköpfige Familie betteln muss. Vielleicht wäre dieses Kind unter idealen Bedingungen ein erfolgreicher Forscher geworden, welcher eine für die Menschheit wichtige Entdeckung gemacht hätte. Die Kosten sind also nicht nur das mühselige Leben dieses Kindes, sondern sie beziehen sich auch auf das vergeudete Potential. Wenn wir das jetzt hochrechnen auf die Menschheit und die unzähligen Fälle solcher Verschwendung, zeigt sich die Absurdität von Krieg, sozialer Ungerechtigkeit und Unterdrückung noch mehr. Und mit Blick aufs Weltall: Denken wir ans Fermi-Paradoxon, also die Hypothese, dass wir vielleicht deshalb noch keine Aliens angetroffen haben, weil sich hochentwickelte Zivilisationen immer schon vorher selbst auslöschen. Blickt man auf die aktuelle Weltlage, sind wir leider gerade auf dem besten Weg dazu, die Theorie zu bestätigen.

Als Ausdruck haben Sie auch die Kunstform Sprache, zum Beispiel auch die Lyrik, gewählt. Können wir über die Kunst präziser werden. Können wir tiefer in den Geist des Gegenübers, der Leserin, des Lesers eintauchen und generell durch diese Art des Ausdrucks höher hinaus? Oder was ist Ihr Antrieb diesbezüglich?

Kunst im Sinne von Kreativität hat mich schon immer angezogen. Vor allem das Schreiben war mir immer sehr wichtig, aus einem inneren Antrieb heraus. Ich wollte immer etwas schaffen, das Sinn stiftend ist.

Doch bei meinen damaligen Buch-Recherchen gewann ich neue Einsichten zur Kunst, die mein Verständnis und meinen Bezug zur Kunst verändert haben. Es geht um einen übergeordneten Antrieb, der extrem kraftvoll ist. Als ich mein Sachbuch schrieb, in dem es darum geht, wie wir das Weltall wahrnehmen, war ich sehr überrascht. Denn im Laufe meiner Recherchen stiess ich auf das Konzept von Memes und lernte darüber viel Neues. Heute denken wir beim Wort „Meme“ an jene lustigen Bilder und Texte im Internet, welche viral gehen. Beispielsweise „Hide the Pain Harold“. Oft geht es bei Internet-Memes um scheinbaren Nonsens. Aber Memes sind ein viel umfassenderes Prinzip, das seit rund 100 Jahren von der Biologie und Evolutionsforschung ergründet wird. Richard Dawkins publizierte 1976 das Buch „Das egoistische Gen“. Kurz gesagt, geht es darum, dass Memes Ideen sind, die sich fortpflanzen. Ein Meme kann also beispielsweise die Idee sein: „Der Mensch müsste wie ein Vogel fliegen können.“ Schon Leonardo da Vinci träumte davon. Heute ist es längst Realität. Die Idee reiste durch die Jahrhunderte und wurde irgendwann umgesetzt. Ein anderes Meme ist die Klimajugend.

Dies zeigt: Memes sind nicht nur Kunst im engen Sinne. Im Grunde kann jeder Gedanke ein Meme sein. Auch der Geistesblitz eines Mathematikers. Teilt er seine Idee mit anderen, kann sich diese verbreiten und auch transformieren. So führte der Drang Hilberts, die Widerspruchsfreiheit der Mathematik zu beweisen, letztlich zum Gödelschen Unvollständigkeitssatz. In diesem Zusammenhang kann man auch die Kunst als sehr weitläufiges Konzept ansehen, das sich eben nicht allein auf die üblichen Tätigkeiten beschränkt oder das, was die Etikette der Kunst trägt. Nicht umsonst wird ja auch oft gefragt: „Und das hier soll jetzt Kunst sein?“

Kunst ist ein effektives Mittel, um Memes zu transportieren. Denken wir nur an Jules Verne und sein Buch „Von der Erde zum Mond“. Was einst sozusagen nur eine verrückte Idee war, eine Grille, ist heute der reale Schuhabdruck von Neil Armstrong im Mondsand. Der Intellektuelle Alexander Kluge prägte den Begriff des Autors als „Anwalt der Zukunft“. Dieser Ansatz gefällt mir sehr gut. Davon abgesehen, möchte ich aber auch einfach Empfindungen und Beobachtungen vermitteln, die ich als bemerkenswert ansehe. Insofern ist es somit durchaus auch der simple Wunsch eines Individuums, in seinen Überlegungen verstanden zu werden und durch das geeignete Medium eine Verbindung zum Leser oder Betrachter aufzubauen. Ich bin somit ein Meme-Werkzeug und zugleich ein Akteur mit dem ureigenen Wunsch, bestimmte Erkenntnisse mit anderen zu teilen.

Wir leben in einer herausfordernden Zeit mit für viele schwerfälligeren Gegebenheiten – gefühlt, als noch vor 4,5 Jahren. Ist die theoretische Freiheit in der Gesellschaft weiter weg von der praktischen, was die Bewegungsfreiheit und Meinungsungäußerungsfreiheit ohne Konsequenzen betrifft?

Wir haben in den vergangenen paar Jahren grosse Einschränkungen erlebt als Gesellschaft und Individuen. Etwas, das wir so nicht kannten und das sehr irritierend ist. Doch wir leben dennoch in Ländern, in welchen die Meinungsäusserungsfreiheit in der Verfassung verankert ist. Was aber nicht heisst, dass alle Äusserungen getätigt werden dürfen. Hassrede, zu Gewalt aufrufen oder die Leugnung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, diese Äusserungen untergraben die Werte unserer demokratischen, freien Gesellschaft und dürfen nicht einfach verbreitet werden.

Doch abgesehen davon, ist die gegenseitige Toleranz sehr wichtig und auch das Aushalten von unbequemen Meinungen. Jetzt erst recht und insbesondere auf der persönlichen Ebene, von Mensch zu Mensch. Gerade zu Beginn der Pandemiezeit habe ich bestimmte Muster beobachtet. Weniger fehlte die Toleranz beim einen oder anderen Meinungslager, sondern eher dort, wo die Leute stark verhaftet waren in ihrer Meinung und andere Wortmeldungen nicht zuliessen im Gespräch. Ich denke, es ist wichtig, auf die Ängste und Sorgen der anderen Menschen einzugehen und diese ernst zu nehmen und nicht einfach zu versuchen, die anderen zu übertönen. So kann man im gegenseitigen Austausch gemeinsam zu neuen Erkenntnissen kommen, ganz im Sinne der Dialektik. Gerade deshalb müssen wir unsere demokratische, freie Gesellschaft schützen. Wir dürfen wählen und abstimmen, das ist kein selbstverständliches Privileg, sondern ein von unseren Vorfahren hart erarbeitetes Recht. Demokratie und Freiheit sind keine Selbstläufer. Deshalb sind wir alle gefordert, dafür einzustehen. Der Stimm- und Wahlzettel ist hierfür ein gutes Werkzeug.

Die Sprache, auch ein Werkzeug von Ihnen hat scheinbar an Bedeutung und Wirkung gewonnen und wird scheinbar bewusster medial eingesetzt um bestimmte Ideologien verständlich zu machen um es einmal so auszudrücken.  Wirkte dies schon immer so intensiv, oder sind wir als Gesellschaft einfach sensibler und verletzlicher geworden und wenn ja, woran könnte das liegen, warum gerade in der heutigen Zeit.

Ich nehme an, Sie sprechen auf den heutigen „Woke“-Trend und auch die „Cancel-Kultur“ an, also die starke Sensibilisierung für bestimmte Begriffe und Aussagen. Wenn also jemand über heikle Sachverhalte in der Öffentlichkeit eine kontroverse Meinung äussert oder sein Verhalten nicht gewissen Regeln entspricht, wird er stark kritisiert oder sogar geächtet. Möglicherweise hat sich die Situation auch aufgrund der Pandemie zugespitzt, da sich die Gesprächskultur verändert haben mag oder die Menschen ihr Gegenüber nun generell kritischer betrachten. Einerseits mag es durchaus sinnvoll sein, achtsamer mit der Sprache umzugehen und zu hinterfragen, warum sich gewisse Begriffe so und nicht anders verankert haben im Sprachgebrauch. Andererseits nimmt die Diskussion auch Ausmasse an, die mir fragwürdig erscheinen. Ein weiteres grosses Thema, das in Ihrer Frage enthalten sein mag, ist das „Gendern“. Ich als Frau habe hier, in meinen Interview-Antworten, bis jetzt bewusst darauf verzichtet. Nicht, um die Bemühungen meiner Geschlechtsgenossinnen, in der Gesellschaft gesehen zu werden, zu untergraben. Sondern einfach deshalb, weil ich denke, dass man es irgendwann auch gut sein lassen kann. Wichtig ist doch, dass das Bewusstsein dafür geschaffen wurde, dass es eben auch weibliche Piloten, weibliche Fussballer oder ganz allgemein weibliche Akteure gibt. Derzeit wird aber die Kunst des Genderns auf die Spitze getrieben. Die Frage ist, woran dies liegt. Möglicherweise daran, dass die eigentlichen Knackpunkte der Gleichberechtigung noch immer ungelöst sind.

Denn letztlich geht es ja nicht um bestimmte Pronomen oder Begriffe, sondern es geht darum, sich gegenseitig auf Augenhöhe zu begegnen und zu respektieren. Wenn sich eine Gruppe in der Gesellschaft herabgewürdigt oder benachteiligt fühlt, dann ist dies wohl einfach an der Sprache am einfachsten festzumachen. Denn meist ist die eigentliche, zugrunde liegende Situation komplex und lässt sich schwer auf den Punkt bringen. Griffiger ist es da, eben auf Schwächen oder Aspekte in der Sprache hinzuweisen und entsprechend sensitiv zu reagieren. Auch mag unsere freie, westliche Gesellschaft heutzutage empfänglicher sein für die Wortmeldungen und Belange von Minderheiten oder bestimmten demografischen Gruppen, die sich benachteiligt fühlen. Aber das Extreme ist wohl meist eher problematisch, egal, in Bezug auf welches Thema. Ein Klima der Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun, ist für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft nicht förderlich.

Insgesamt sehe ich in der blossen Fokussierung auf die Sprache die Gefahr, dass man sich verzettelt und die Probleme nicht bei der Wurzel packt. Bei all diesen Trends geht es ja eigentlich um den Wunsch nach Gerechtigkeit im Allgemeinen. Also darum, gerecht behandelt zu werden. Doch Gerechtigkeit ist ein grosses Wort. Schwer zu fassen. Und noch schwerer umzusetzen. Auch sollten wir nicht vergessen, dass es – neben den laut auftretenden Interessengruppen – auch andere ungerecht behandelte Menschen gibt. Nur liegt es in der Natur der Sache, dass diesen oft die Kraft fehlt, ebenso für ihre Rechte auf die Barrikaden zu gehen. Ich denke dabei an alte oder behinderte Menschen.

Doch, um ein Fazit zu ziehen: Ob man nun den Trend der Sprach-Sensibilisierung mag oder nicht, ist er dennoch wichtig. Die Sprache ist mächtig und kann missbraucht werden. So wurden vor 80 Jahren, zur Zeit des Nationalsozialismus, schreckliche Begriffe geprägt und genutzt, die eine grosse Kraft entwickelten. Bestimmte Wörter wurden zudem umgedeutet. Die Sprache wurde missbraucht. Dass wir heute ein Auge auf die Sprache haben und auch mal empfindlich reagieren, halte ich daher trotz allem für sinnvoll.

Philosophieren bedeutet ja denken oder erdenken. Mit dem und durch das Denken von gestern sind wir im Heute angekommen.  Eigentlich, so Forscher denken wir zu weit über 90% das, was wir gestern schon gedacht haben. Um wirkliche Veränderungen vom Grund her zu schaffen, bedarf es an Neuem Denken. „Man“ sagt Ihnen nach, Sie gehen unkonventionell an Menschheitsfragen heran.  Wie kann Mensch seine Zukunft neu Denken, wenn Mensch nicht wirklich sich gerne verändert?

Ja, ein guter Punkt. Wir sind Menschen mit einem begrenzten Intellekt, der sich lediglich in einem bestimmten Rahmen bewegen kann. Dies beschränkt uns. Und wie Sie auch anmerken: Unser Denken ist sozusagen rekursiv, bezieht sich auf Vorheriges, auch auf frühere Erfahrungen. Oft unterliegen wir der folgenden Logik: „Etwas war immer so. Also soll und wird es auch in Zukunft so bleiben.“ Das halte ich für problematisch. Doch ich sehe auch Möglichkeiten, wie wir aus diesem gedanklichen Gefängnis ausbrechen können. Jedenfalls bis zu einem gewissen Grad.

Hierbei komme ich zurück auf die Memes und die Kunst. Denn eine Erkenntnis, die ich gewonnen habe, ist: Die Kunst ist eine Abkürzung. Sie agiert auch als Brücke zwischen dem Bestehenden und dem Möglichen. Sie ist damit ein gutes Mittel, um aus ebendiesem rekursiven Denken auszubrechen, eben auch verrückte Gedanken zuzulassen. Nicht zu schauen, was die Raumfahrt heute kann, nämlich relativ wenig. Sondern zu fragen, wohin wir wollen. Zum Mars, aber auch zu anderen Sternen, in andere Galaxien, vielleicht gar „raus“ aus dem Universum oder in andere Zeiten. Solche Aktionen gelten aber heute als unmöglich. Davon jedoch sind Science-Fiction-Romanautoren wenig beeindruckt. Sie lassen sich von der Skepsis nicht bremsen. Technische, gesellschaftliche und medizinische Errungenschaften können durch unser Denken, durch die Kunst und durch schräge Ideen vorweggenommen und beschleunigt werden.

Aber irgendwo hat freilich auch dieses Denken Grenzen. Weil wir eben keinen IQ 10’000 haben und weil wir gedanklich in unserer limitierten Existenz verhaftet sind. Man sagt manchmal: Was denkbar ist, ist auch möglich. Doch kann man auch das Undenkbare denken? Dies fragte ich damals auch in meinem Sachbuch. Eine Möglichkeit, über unseren Intellekt hinauszugehen, ist die künstliche Intelligenz. Womöglich kann sie uns helfen, Quantensprünge zu machen im Denken und uns helfen, gedanklich völlig neue Wege zu gehen.

In Ihrem Projekt «This Fake Universe» geht es darum, dass vermeintlich Selbstverständliche in ein neues Licht zu rücken.

Was haben Sie aus diesem Projekt herausgefunden oder herausgewonnen. Beziehen sich die Erkenntnisse auch auf das MenschSein und dürfen wir unser Selbst-Bewusstsein neu, anders überdenken? Brauchen wir neue, andere Werte?

Das Projekt „This Fake Universe“ war eigentlich eine Art Spin-Off meines Sachbuches. Ich befasste mich mit Memes und fragte unter anderem, wie ein Meme aussehen könnte, welches den Menschen das Weltall (bzw. eben das Rückbesinnen auf unseren Planeten) näherbringen könnte. Dann entwickelte ich meine Memes für Instagram. Dort versuche ich nun, Selbstverständliches in einem neuen Licht zu zeigen, da unser Blick oft abgestumpft ist. Bis zu einem gewissen Grad verarbeite ich in diesem Projekt also die Erkenntnisse, die ich bei der Sachbuch-Recherche gewonnen habe. Der Projektname spielt übrigens darauf an, dass wir zwar alle um das Universum wissen, aber es wohl oft gar nicht wahrnehmen oder ernstnehmen, es fast wie ein Trugbild wirkt.

Ich glaube, dass gewisse Werte universell sind oder universell sein sollten. Insbesondere die Wertschätzung des Lebens, die Achtung davor. Oder auch gewisse normative ethische Prinzipien. Allein die ethische Position des Utilitarismus kann ja schon viel bewirken. Wenn man also darauf abzielt, dass jede Handlung den grösstmöglichen Nutzen für alle bietet. Sofort fällt dann so etwas wie Krieg weg aus der Agenda. Insofern sollten also gewisse Erkenntnisse, welche die Menschheit im Laufe der Jahrtausende gewonnen hat, bestehen bleiben.

Gleichzeitig aber sind viele gesellschaftliche Sichtweisen festgefahren. Ein Überdenken und eine Neuorientierung könnte uns weiterbringen. Konkret denke ich unter anderem an unseren Umgang mit Krankheiten, Alter und Tod. Abgesehen davon, dass diese Themen verdrängt werden, geht damit auch ein vordergründig verständlicher Fatalismus einher. Schliesslich kann man vieles ohnehin nicht ändern. Es ist eben so. Doch stimmt das auch? Einst war es „normal“, dass Menschen an Infektionen starben. Dann kam Penicillin. Jedoch nur dank einer Zufallsentdeckung. Es ist nicht so, dass proaktiv danach geforscht wurde. Heute wird zwar intensiver nach neuen Möglichkeiten gesucht. Die Genschere Crispr-Cas9 ist ein Beispiel hierfür. Aber alles bewegt sich im Schneckentempo. Und dies, obwohl jeder neue Tag ohne bahnbrechende Innovationen auch bedeutet, das Menschen genau jetzt leiden.

Auch in Bezug auf unsere Existenz lohnt es sich, immer mal wieder innezuhalten und zu reflektieren. Wir spazieren durch eine Stadt. Völlig normal. Doch diese Stadt existiert, weil vor 4 Milliarden Jahren ein Feuerball langsam erkaltete und sich eine Atmosphäre bildete. Weil die Schwerkraft existiert. Weil Leben enstand und dieses Leben vom Wasser aufs Land gelangte.

Zusammenfassend würde ich Ihre Frage somit bejahen. Unsere Existenz und damit die verbundene scheinbare Selbstverständlichk immer wieder zu hinterfragen, bringt uns weiter. Wir leben in einer Welt, die wir zu kennen glauben. Das macht uns oft bequem. Es ist aber gut, aus dieser Komfortzone herauszutreten und die Dinge, auch uns selbst, mit einem neuen Blick zu betrachten.

Sie leben in der Schweiz. Ist es in der heutigen Zeit einfacher in der Schweiz zu leben als in z.B. Deutschland, in Bezug auf, dass die die Schweiz an vieles einfach neutraler herangeht, einen objektiveren Blick für viele Weltgeschehnissen hat?

Ein Vergleich ist natürlich immer schwierig. Die Schweiz ist viel kleiner als Deutschland, hat auch viel weniger Einwohner. Sicherlich ist die Schweiz ein privilegiertes Land, das zudem nicht so im Fokus der Weltpolitik steht wie jetzt gerade Deutschland. Aus dem Windschatten heraus auf die Geschehnisse zu blicken oder diese zu kommentieren, ist da natürlich immer einfacher.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor der Schweiz ist wohl das politische System, welches uns einerseits die direkte Demokratie ermöglicht und andererseits eine gewisse Ausgewogenheit bietet durch das System der sieben Bundesräte aus verschiedenen Parteien. Als Vorteil erscheint mir, dass dadurch nicht ein solch grosses Vakuum entstehen kann wie in Deutschland oder gar den USA, wenn wieder ein Personalwechsel ansteht. Bei uns wird nicht das ganze Führungsgremium gleichzeitig ausgewechselt. Trotzdem wird verhindert, dass nur eine Partei oder eine Person sich dauerhaft festsetzt und dann diktatorisch und absolut herrscht. Vielmehr müssen die Regierenden ständig nach einem Konsens suchen. Trotz ihrer teils sehr unterschiedlichen politischen Ausrichtungen.

In der Schweiz ist natürlich auch nicht alles grossartig, doch würde die Welt vermutlich davon profitieren, wenn mehr Staaten dieses politische Prinzip übernehmen würden.

Wenn Sie als Philosophin und Ökonomin Ihre Glaskugel (noch) einmal Bemühen, um zu sehen, ob es in der Zukunft noch eine soziale Marktwirtschaft wie sie „derzeit“ ist, noch weiterhin geben wird. Oder welche Art des Wirtschaftssystems, auch hinsichtlich der Digitalisierung und weiteren Globalisierung, wird geboren werden?

Ja, schön wäre es, eine solche Glaskugel zu haben. Handkehrum: Ganz im Sinne des zuvor Angesprochenen, des Denkens, das zu sehr in der Vergangenheit verankert ist, ist es vielleicht ganz gut, den Status Quo zu ignorieren. Und auch nicht das sichere Wissen zu besitzen, wie alles künftig sein wird. Denn blicken wir auf die aktuelle Weltlage, steuert unser gesamtes Wirtschaftssystem auf stürmische Zeiten zu. Und gleichzeitig werden aufgrund dieses Krieges wichtige Probleme noch weniger beachtet bzw. bekämpft.

Wieviel würde es wohl kosten, auf einen Schlag die bedeutsamsten Probleme unserer Zeit zu lösen? Also den Klimawandel und die Umweltverschmutzung aufzuhalten, allen Menschen Zugang zu sauberem Wasser zu verschaffen, zu Nahrung, zu medizinischer Grundversorgung, Bildung?

Offenbar kostet der Ukraine-Krieg allein Russland mindestens eine halbe Milliarde US-Dollar. Pro Tag. Ein Wiederaufbau der Ukraine würde schon jetzt insgesamt rund 350 Milliarden Dollar kosten. Von den Kosten, welche die Nato generiert, gar nicht zu sprechen. Dann noch die Kosten und Opportunitätskosten für alle Länder, die sich an den Sanktionen beteiligen oder indirekt gewisse Nachteile erleiden. Tragisch ist die Lage in Ostafrika. Dort sind 20 Millionen Menschen vom Hunger bedroht, verstärkt durch die Verwerfungen am Getreidepreis-Markt. Dies alles ist eine gigantische Menge an Geld, die wir uns gar nicht vorstellen können. Ein Haufen Geld, der einfach verbrannt wird. Und wofür?

Deshalb hier ein Gedankensprung. Weg von dieser traurigen Realität. Rein in die Utopie. Zunächst aber trotzdem einige Überlegungen zu unserem heutigen wirtschaftlichen Prinzip. Unser System basiert darauf, dass Menschen ihre Arbeitskraft ins System einbringen, um Güter und Dienstleistungen herzustellen. Dafür werden sie mit Kaufkraft entlöhnt. Anders gesagt: Menschen geben ihre Lebenszeit, um dafür Dinge kaufen zu können. Doch was wünscht man sich, wenn Geld keine Rolle mehr spielt? Viele Superreiche streben dann nach Macht, Einflussnahme. Ob politisch oder wirtschaftlich. Doch ein Gut überragt alle. Das wertvollste Gut, das wir alle haben, ist die Zeit. Der Amazon-Milliardär Jeff Bezos investiert in ein Startup, welches sich mit Anti-Aging befasst. Und schliesslich geht es um das grosse Wort: Unsterblichkeit. Ein Science-Fiction-Thema. Doch vermehrt geistert dieses Meme bereits im Bewusstsein der Gesellschaft umher.

Und genau hier setzt nun die Utopie ein. Ein Wirtschaftsprinzip, das Menschen in Zeit auszahlt. Wir geben unsere Ressourcen (Arbeit, Kreativität) ins System und sind dafür nicht mehr zeitlich begrenzt. Verschiedene Einschränkungen, denen wir heute unterliegen, fallen dann automatisch weg und die kurzsichtige Einstellung „nach mir die Sintflut“ erübrigt sich. Das Interesse für das Wohlergehen der Natur und des Planeten würde sich zudem steigern und durch die vermehrte Sharing-Economy könnten auch Güter effizienter genutzt werden. Ein neues System ergäbe sich, welches neue Anforderungen an die Effizienz stellen würde. Es ginge vermehrt um die Nutzung begrenzter Ressourcen, z.B. Boden, Wasser und Nahrung. Doch ohnehin steigt mit der Zeit die Wahrscheinlichkeit für bedrohliche globale Entwicklungen wie Vulkanausbrüche, Atmosphärenverlust, Erdbeben, Artensterben, aber auch für zerstörerische Kräfte aus dem All (z.B. Asteroiden, Gammablitze, Sonnenstürme). Der Unterschied zu heute wäre einfach, dass wir uns diesen Problemen endlich ernsthaft widmen würden. Der Mensch, welcher derzeit als grösster Schädling der Erde agiert, könnte mit seinen Lösungsideen und seinen Fähigkeiten plötzlich zu einem Nützling werden. Er könnte Methoden zum Schutze des Planeten entwickeln und würde ebenso weitere Himmelskörper besiedeln. Die Idee, Zeit als neue Währung einzusetzen, wurde im Übrigen im dystopischen Science-Fiction-Thriller „In Time – Deine Zeit läuft ab“ thematisiert, der somit auch die Schattenseiten zeigt (Erpressung durch Gabe oder Wegnahme von Lebenszeit). Ein solches Szenario würde also viele neue Fragen aufwerfen, könnte aber eben auch viel Leid beseitigen.

Sie sehen: Ganz weg komme ich auch nicht von der Bezugnahme auf bereits Bestehendes. Ich bin auch inspiriert von Science-Fiction und nutze als Bezugspunkt das Bekannte. Und doch führt uns bereits dieses gedankliche Konstrukt weit weg von der heutigen Situation.

Vielen Dank für das Gepräch, für Ihre Zeit!

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Quellen:

https://www.spiegel.de/panorama/leute/star-trek-star-william-shatner-ueber-seine-reise-ins-all-es-fuehlte-sich-wie-eine-beerdigung-an-a-644a0f45-a3e0-417d-b538-680b70e49a6e

https://www.blick.ch/ausland/munition-ist-am-teuersten-so-viel-kostet-putins-ukraine-krieg-pro-tag-id17465142.html

https://www.dw.com/de/ukraine-der-wiederaufbau-wird-teuer/a-63094618

https://www.focus.de/politik/ausland/eine-milliarde-dollar-pro-tag-wie-teuer-putins-krieg-in-der-ukraine-wirklich-ist_id_93906561.html

https://www.brot-fuer-die-welt.de/spenden/wuerde/hungerkrise-ukrainekrieg/

https://www.merkur.de/wirtschaft/jeff-bezos-yuri-milner-milliardaere-forschung-unsterblichkeit-investition-start-up-altos-lab-zr-90966585.html

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Misha Sommer

Eine Reisende zwischen den Genres und den Künsten. Misha Sommer legt sich nicht fest. Jedenfalls nicht auf ein bestimmtes Bücher-Genre. Oder überhaupt: Wenn es um die Wahl der Ausdrucksform an und für sich geht. Wichtig ist einzig folgendes: die Kraft der Idee. Diese trägt dann die Form. Text, Bild, Song, Video und mehr. Misha Sommer lebt in der Schweiz.

Publikationen:

Der Hund ist längst fort (Lyrik und Prosa) (2022), Anteprimus, ISBN 978-3-9525584-4-7

Wenn Sternenstaub in einer Bar sitzt und ein Bier trinkt, (100 Memes) (2021), Anteprimus, ISBN 978-3-9525584-1-6

Im Land der windschiefen Bäume (Gedichte) (2021), Anteprimus, ISBN 978-3-9525443-8-9

Draussen auf den Dünen vergisst man es keinen Augenblick (Roman) (2021), Anteprimus,  ISBN 978-3-9525443-4-1

Das abgefahrenste Philosophiebuch der Welt (Sachbuch) (2021), Anteprimus, ISBN 978-3-033-08492-6

Webseite: mishasommer.com

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