Das lachende Dorf–oder Wider die Verbissenheit im öffentlichen Leben

Von Wolf Hamm – Gesellschaft

Das lachende Dorf
oder Wider die Verbissenheit im öffentlichen Leben

Die Verfassung ist so lange in Kraft, wie ihre Bestimmungen sich von selbst verstehen. Martin Mosebach

Der Präsident von Großkotzenreich entließ den Markt Bitternis in die lang ersehnte Freiheit. Vor fünfzig Jahren hatte sich das Großkotzenreich den Ort mit militärischer Gewalt einverleibt. Von der einst reichen Gemeinde war ein Dorf mit verrotteten Häusern, ausgelaugten Feldern und abgeholzten Wäldern übriggeblieben. Die Ausplünderung von Bitternis hatte den Niedergang des Großkotzenreichs nicht aufgehalten. Dieser Staat konnte seine Bevölkerung kaum mehr ernähren.

Um von der UNO anerkannt zu werden, mussten die Einwohner von Bitternis eine Verfassung zur Genehmigung vorlegen. Heute hatten sich alle volljährigen Bürger und Bürgerinnen im „Gasthaus zur Trauerweide“ versammelt, um sie zu schreiben.

Ratlos standen die 375 Dorfbewohner im Ballsaal der „Trauerweide“ herum. Sie wussten nicht, was sie tun sollten. Der Metzgermeister Sebastian Kalb wollte so schnell wie möglich zu seinen Ochsen im Schlachthof zurück und schlug folgendes vor: „Wir nehmen einfach die Verfassung von Großkotzenreich und damit basta.“

Gegen diesen Vorschlag sprach sich die Schulleiterin Mathilde Helferich aus. Diese Verfassung etabliere eine lupenreine Diktatur mit einem charismatischen Führer, der das Volk ins Elend, sich selbst zu Reichtum führe. Sie, die Frau Direktorin, bevorzuge eine Monarchie. Sie, die Frau Helferich, habe Philosophie studiert und plädiere dafür, eine erfahrene, weise Person zur Königin zu wählen. „Scheinheiligkeit! Du willst Königin sein! Bring erst mal deine Schule in Ordnung, diesen Saustall!“, schmetterte der reichste Bürger, Richie Wohlleben, die Anbiederung ab. Nur er sei, als Import/Export-Kaufmann, erfahren genug, die Regierung zu übernehmen. Die Frauen unterbrachen seine Rede mit Zwischenrufen wie „Macho“, „Weiberheld“, „Schmarotzer“, „Frauenbefummler.“ Dann kreischte die weibliche Bevölkerung: „Frauen an die Macht! Frauenpower forever. Es lebe das Matriarchat“ Fast alle schlugen mit ihren Taschen auf die Männer ein, die sich dagegen wehrten. Die fröhliche Schlägerei beendete der Wirt durch einen Schuss mit dem Revolver in die Decke.

Der allseits beliebte Dorfarzt Sano Quickle übernahm die Gesprächsleitung: „Wir sind uns einig, dass wir keinen ‚Führer‘ wollen.“ Ja-Rufe. „Also bilden wir Gruppen, die Vorschläge für die Verfassung machen sollen. Es setzen sich am besten Berufsgruppen zusammen. Also, noch einmal die Aufgabe: Machen Sie Vorschläge für ein Grundgesetz. Um fünfzehn Uhr erwarten wir Ihre Berichte.“

Die Gruppenzusammenstellung verlief zügig. Die Auswertung der Überlegungen begann pünktlich. Die Gruppe „Ernährung und Alltagsleben“ hielt einen Vortrag mit dem Titel: „Vom Samen bis zum Klogang – aufs Essen kommt es an“ Das Essen sei die Grundlage des Lebens und die Aufgabe der Bauern. Wegen ihrer harten Arbeit sollten sie steuerfrei sein. Der Staat müsse für jeden Bauernhof einen Mercedes der C- Klasse als Dienstwagen anschaffen. Das wurde ihnen zugestanden. Aber mit der Forderung nach 1.700 EURO monatlichem Grundgehalt und einem kostenlosen dreiwöchigen Urlaub gingen sie baden.

Die Damen und Herren der besitzenden Klasse hatten den Wahlspruch ausgegeben: „Unser Geld für euer Wohl“ Die Banken spendeten jedes Jahr zehn Prozent ihres Gewinns. Dafür bauten sie für Leute, die unter 22.000 EURO netto jährlich verdienten, Häuser und schenkten sie ihnen. „Eigentum verpflichtet.“ Das solle die Grundlage der Verfassung sein. Dazu brauche man aber Ordnung, die man hier noch nicht habe. Eine am Arbeitsleben orientierte Lebensführung aller sei Voraussetzung für ein erfolgreiches Wirtschaften. Man müsse zusammenhalten. Extrawürste könne es keine geben. Die Erhöhung des Profits von Bitternis sei das Ziel allen Denkens und Handelns. Da blühten die Gesichter der meisten auf, sahen sie sich doch schon als Millionäre in einer Villa auf Mallorca.

Der Sprecher der Gruppe der Kreativen, Lauda Schöpf, vermieste die hoffnungsvolle Stimmung: „Dann haben wir ja wieder eine Diktatur ‚Profit befiehl, wir folgen dir! ‘ Der Profit gedeiht, die Menschen verkümmern. Wir wollen die Menschen zum Blühen bringen durch Kritik, Kreativität und Kunst. Wer sich selbst findet, der ist glücklich. Wir wollen dieses Glück für die Menschen erarbeiten.“

Ein Sturmregen von Beleidigungen prasselte auf die Kreativitätsgruppe nieder: „Faulenzer, Hungerleider, Tagediebe, Wichtigtuer, Quasselbande, Revoluzzer.“

Der Doktor Sano Quickle gestand seine Ratlosigkeit angesichts der unterschiedlichen Vorschläge ein. Da meldete sich die kleine Gruppe von Frauen und Männern zu Wort. Ihr Sprecher, Imamuel G., in einen grünen Kaftan gekleidet wie die anderen Mitglieder der Gruppe auch, beschwor mit größter Eindringlichkeit die Zuhörer: „Man muss an etwas glauben. Der Glaube hilft in jeder Situation. Wer glaubt, wird selig.“

„Was sollen wir glauben?“, riefen einige.

„An Gottes Güte!“

„Glauben wir nicht.“

„An die Kraft der Liebe!“

„Glauben wir nicht.“

„An den Wert der Heimat!“

„Glauben wir nicht.“

„An die Menschenrechte der UNO!“

„Glauben wir nicht.“

„An die Wunder der Natur!“

„Glauben wir nicht.“

„An das Gute im Menschen!“

„Glauben wir nicht.“

„Dann sind wir verdammt!“

Es folgte eine längere Schweigephase.

Unvermittelt rief ein Bauer den Kreativen zu, sie seien schuld mit ihrer Nörgelei, dass man nicht weiterkomme. Einer aus der Glaubensgruppe sah in den Individualisten eine Selbstvergottung, die die Gesellschaft zerbröseln lasse. Die Besserverdienenden forderten Selbstbeherrschung und Zielstrebigkeit. Jeder schob die Schuld am Scheitern des Schreibens einer Verfassung den anderen zu. Beschimpfungen reichten nach einiger Zeit nicht mehr aus, die Herzen der Menschen abkühlen zu lassen. Ganz im Gegenteil: Die Wörter der Wut, die sie sich zuwarfen, ließen die Hitzigkeit steigen. Adrenalin geflutetes Blut riss die Grenzen der Gesittung ein. Die zur Freiheit Entlassenen nutzten die Spielräume weidlich aus.

Als ein Bauer einem Besserverdienenden eine Ohrfeige gab, inspirierte das die Gruppe des Opfers zu vielfältigen Handgreiflichkeiten, zu denen sie auch die Beine, vor allem bei den am Boden Liegenden, intensiv nutzten. Der Wirt, statt den Frieden herbeizuschießen, prügelte tapfer mit. Die verfassungebende Versammlung raufte so inbrünstig, wie man es sonst nur bei religiösen Ekstasen erlebt. Bis zur totalen Erschöpfung erarbeiteten sie sich das Grundgesetz. Am Schluss lagen sie alle vereint auf dem Boden des Wirtshauses, erschöpft von so viel körperlicher und geistigerArbeit.

Mit dem Ermatten ihrer Kräfte drang Stille in den Raum. In dieser Stille ertönte klar und deutlich ein „Ha“. Dieses einsame „Ha“ beachtete niemand. Erst bei einem zweiten verdoppelten „Ha“, also einem „Haha“, wunderte man sich, aber niemand wollte sich darum kümmern zu erfahren, wer dieses Geräusch produziert hatte. Nach dem dritten, lautschallenden „Hahaha“ erhob sich der Doktor, um die Herkunft des Geräuschs zu eruieren. Das vierte „Hahahaha“ entpuppte sich als die Äußerung eines Mannes mit schlohweißem Haar. Dieser fuhr mit seinem Rollstuhl durch das Wirtshaus zu einem Blutenden, schaute ihn an und lachte; er fuhr zu einem Weinenden, schaute ihn an und lachte; er fuhr zu einer zitternden Frau, schaute sie an und lachte …

Die Dorfgemeinschaft war empört über die Herzlosigkeit des Rollstuhlfahrers, sich über das Leid anderer zu mokieren. Nur merkten sie allmählich, dass diejenigen, die er belacht hatte, sich schnell von ihrem Zustand erholten, sodass nach einer halben Stunde alle von dem Rollstuhlfahrer geheilt worden waren.

Verwundert schauten sich die Zerstrittenen an. Da rief ein Bauer: „Für einen Mercedes C-Klasse! Darum das ganze Trara?“

„Für Profit arbeiten Tag und Nacht? Darum das ganze Trara!“, wunderte sich ein Hausbesitzer.

Und einer aus der Glaubensgruppe rätselte: „Für glauben an irgendetwas? Und darum das ganze Trara?“

Und sie lachten über ihr Aussehen und über sich und über ihren Kampf und versammelten sich um den Rollstuhlfahrer.

Der Dorfarzt Sano Quickle hielt eine kurze Ansprache. „Wer immer du bist, Mann mit dem schlohweißen Haar, ohne etwas zu sagen, hast du unsere Torheit entlarvt. Du hast uns gezeigt, dass unser Dorfkrieg sinnlos war. Ich habe zwar einen Zahn verloren, aber das war es wert. Dafür danken wir dir. Wir haben unsere Lektion gelernt. Nur müssen wir der UNO eine Verfassung vorlegen, damit wir als eigenständiger Staat anerkannt werden.“

Da lächelte der alte Mann: „Nichts ist einfacher als das. Ich diktiere, vielleicht schreibt einer mit.“

Der Dorfarzt holte Stift und Papier und schrieb: „Paragraph 1 der Verfassung für die Demokratische Union Bitternis (DUB): Vor großen Entscheidungen, insbesondere vor Kriegen, Steuerfestsetzungen, Grundversorgung, Altersvorsorge usw. sind die Verantwortlichen so lange in einen Raum einzusperren, bis sie mindestens fünfzehn Minuten miteinander gelacht haben. Dann dürfen sie eine Entscheidung treffen. Gelingt dies nicht, besteht ein Handlungsverbot.“

„Das soll der UNO genügen?“, zweifelte der Doktor.

Der alte Mann mit dem schlohweißen Haar hatte seinen Rollstuhl schon in Richtung des Ausgangs gedreht und fuhr lachend hinaus. SeinLachen war so ansteckend, dass die Dorfgemeinschaft auch nach zwanzig Minuten noch lachte und lachte und lachte …


Wolf Hamm

Wolfgang Hammer (Pseudonym Wolf Hamm); geboren 1946 In Oberaudorf; Gymnasiallehrerausbildung für Deutsch und Geschichte; Lehrer an Gymnasien in Flensburg, Kopenhagen und an der Universität in Kiel; von 1992 bis 2011 Leiter der Lehrerausbildung in Rostock. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Pädagogik und Geschichtsunterricht. Mehrere Romane und zahlreiche Geschichten; wohnt seit zehn Jahren in Mitterfels.



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