Das Moralkunstwerk

Das Moralkunstwerk von Thyra Thorn – Moral – Gesellschaft

„Also wenn das kein Moralkunstwerk ist, dann weiß ich auch nicht! Es ist der Protoyp des Moralkunstwerkes…“ Elfriede Jelinek1

Das Dorf Unterweilingshausen liegt genau soweit von der  Kreisstadt entfernt, dass der Besuch einer dortigen – kulturellen, oder sonstigen – Veranstaltung viel Mühe erfordert. Unangenehme Fragen heischen nach Antwort: Wer verzichtet auf das dritte Bier, um die anderen über die schnurgerade Bundesstraße 23 sicher nach Hause zu steuern? Wer beteiligt sich an den Fahrtkosten für die über siebzig Kilometer lange Hin- und Rückfahrt? In welcher Höhe? Welche sonstigen Gegenleistungen müssen erbracht werden, um das vom Autobesitzer ermöglichte Flanieren zwischen städtischen Kulturdenkmälern abzugelten?

Denn kulturell geschwängerte Luft wollen die Dorfbewohner wie alle anderen Menschen auch atmen, das gehört dazu, ohne das verliefe das Leben so geradlinig und langweilig wie die Fahrbahntrasse der B 23, die brachial durch Hügel und Wälder bricht, dabei, flankiert von hohen Lärmschutzwällen, eher einem ausgetrockneten Kanal als einer Straße gleicht und den Reisenden jede Sicht auf Landschaft, Weilingshausen, Oberweilingen und Mittelhausingen verwehrt. Das Mäandern der alten Straße ist auch schon lang vergessen.

„Wir brauchen unsere eigene Kultur“, tönt es im Gemeinderat. „Auf die Städter sind wir nicht angewiesen!“

„Einen Brunnen mit einer Skulptur, die das speziell Unterweilingshausische verkörpert. Unsere Lebensart eben.“

„Und die wäre?“, brummt Egon Schildhuber, der im Dorf für das Behauen von Grabsteinen und sonstige Kunst zuständig ist.

„Was Schönes halt, so schön wie unser Dorf!“

„Was genau meinen Sie mit ’schön‘?“ Egon legt alle Verachtung, derer er fähig ist, in die Betonung dieses Adjektivs. Ein schöner Grabstein, eine schöne Leich´, eine schöne Landeshauptstraße, allesamt ein schönes Schlamassl!

„Bleamerl san schee! Wenn´s mich fragen“, entfährt es Frau Gemeinderätin Unterbodler.

Egon lächelt ihrem Dekollete zu: „Also ein Brunnen mit Blümchen, warum eigentlich nicht? Da schwellen die Formen, da rundet sich das Üppige.“ Wie gut würden Schnörkel und verspielter Zierrat zu den barocken Giebeln passen, die den Dorfplatz umrahmen! Wie wunderbar würden schwellende Pfingstrosenknospen die dickbäuchigen Zwiebeltürme der Dorfkirche imitieren! Wieviel anmutiger als die dörflichen Ränkeschmiedereien würden ziselierte Blumenranken das Wasserbecken umfangen!

„Blumen, heutzutage! Das ist doch nicht ihr Ernst, Herr Schildhuber“, fährt ihn der Dorfoberste an.

„Der Inhalt ist mir wurscht, mir geht es um die Form! Ich bin rein der Kunst und Ästhetik verpflichtet.“

„Deshalb sind Sie ja auch nicht Bürgermeister, sondern ich!“, weist der Herrscher der Gemeinde auf die knapp verlorene Stichwahl hin, sticht dabei gleich auch noch in Egons Herz. „Ihnen fehlt eben der Überblick. Der Brunnen soll unser modernes Unterweilingshausen repräsentieren.“

„Was soll das denn jetzt heißen?“

„Lüstern, Ihre Blumen sind immer so lüstern. Sogar auf ihren Grabsteinen verströmen sie völlig unpassende Lebensgier, das wollte ich Ihnen schon immer mal sagen“, fährt der Dorfpfarrer Palmatius dazwischen.

„Also keine Blumen“, murmelt Schildhuber, „es wäre auch zu einfach gewesen.“

„Wir können ja auch einen Bildhauer von auswärts beauftragen“, stichelt der Herr Pfarrer. Egon zuckt mit den Schultern.

„Moment, Moment, meine Herren, lassen wir den Künstler arbeiten, der unserer Heimat wie kein zweiter verbunden ist“, schaltet sich Gemeinderat Meiersberger ein, „so eine Ausschreibung kostet unnötig Zeit und Geld. Machen wir doch ein Brainstorming. Was fällt Ihnen zu unserem Dorf ein? Was wollen wir darstellen, wie soll es auf uns und auf die Touristen wirken? Raus damit!“

„Welche Touristen? Seit die B 23 neu ist, fahren die alle an uns vorbei.“

„Naja, mit einem tollen Brunnen vielleicht nicht.“

„Da müssten wir schon eine Straßensperre auf der Bundesstraße errichten.“

„Wir sind modern, zumindest der Supermarkt. Moderne und Tradition vereinigen sich bei uns. Das ist doch schon mal was.“

„Der Oberhuber ist in Konkurs gegangen – da vereinigt sich gar nichts.“

„Dabei hatte der so einen guten Presssack!“

„Einen Pleitebrunnen, denn mach ich euch“, sagt Egon.

Ein Pleitebrunnen müsste etwas Löchriges haben, wie das Geld, das überall wegfließt, Löcher, die man nicht mehr stopfen kann. Und dazu noch etwas Verzweifeltes: Hausgerippe, die in einen blutroten Abendhimmel ragen, abgestorbene Bäume. Der anmutig gebogene Hals der Pleitegeier nähme das weiche Moment des Wegfließens auf, deren zerzaustes in alle Richtungen abstehendes Gefieder das zackige Zersplitterte der Trümmerarchitektur. Grandios!

„Ein Kunstwerk muss einen positiven Einfluss auf den Betrachter haben. Das ist doch wohl das Mindeste“, zerstört Schuldirektor Köstlbacher Egons Träume.

„Einen Tierbrunnen, mit einem Tierbrunnen gibt es bestimmt keinen Ärger“, sagt Frau Unterbodler. „Ich habe mal einen Brunnen mit  niedlichen kleinen Meisen gesehen, wie so eine Vogeltränke.“

„Niedlich!“ Auch dieses Adjektiv verursacht Egon ein üblen Geschmack im Mund, Magendrücken, Sodbrennen und was auf diesem Weg noch so alles kommen kann. „’Niedlich‘ ist nicht unbedingt ein ästhetisches Kriterium.“

„Aufbauend, erziehend, erhebend“, hebt Köstlbacher wieder an.

„Das hat mit Kunst nichts zu tun.“

„Menschenwürde, Geradlinigkeit!“

„Auch nicht!“

Köstlbacher springt auf, reckt sich zu voller Größe, die anderen sacken in sich zusammen, verstecken sich hinter´m Vordermann. Dass der Herr Lehrer sie nur ja nicht aufrufen möge: Vokabeln nicht gelernt, die innere Schönheit der Mathematik weiterhin unentdeckt, die lange Reihe der Karls, Friedriche, Ludwige und sonstiger Könige wieder nicht abrufbereit.

„Unserer Jugend ein Vorbild! Leistung, Disziplin!“ Köstlbachers Arm weist auf ein fernes Ziel, die Augen blicken an die Zimmerdecke, dann von oben herab auf die sich Duckenden.

„Mit anderen Worten: zusammengekniffene Arschbacken“, sagt Egon, „so etwas könnte ich mir auch vorstellen, eine große Granitschale, rundherum eingefasst von einer Reihe angespannter Pobacken. Allein dieser Faltenwurf, diese Wülste und Runzeln allerorten! Ich finde das ästhetisch äußerst ansprechend. Und in der Mitte ein wohlig entspannter, prächtig gerundeter Hintern, aus dessen Mitte die Fontäne …“ 

„Herr Schildhuber, bitte! Ihnen fehlt jeder Anstand!“

„Bin ja auch Künstler.“

„Sie haben ja nicht einmal das Abitur!“

„Ich bräuchte allerdings ein paar Modelle.“ Egon blinzelt Frau Unterbodler zu.

„Meine Herren und Damen, bitte. Kulturdenkmäler haben etwas an sich, das größer ist als Körperteile, ja sogar größer als der einzelne Mensch. Sie verweisen auf die Errungenschaften einer Gesellschaft, auf die Geschichte eines Volkes.“

„Sie meinen, so etwas wie ein Denkmal für die im Krieg Gefallenen?“

„Zum Beispiel!“

„Von uns im Dorf war keiner im Krieg, weder im ersten noch im zweiten. Nicht einer!“

„Aber wenn welche von uns in den Krieg gezogen wären, dann wären sie auch gefallen.“

„Nicht zwingend. Vielleicht hätten sie alle überlebt.“

„Oder wären vorher weggelaufen.“

„Fahnenflüchtig? Ein Brunnen für die Fahnenflüchtigen! Super, grandios! Der Krieg würde in der Mitte einschlagen wie eine Bombe, als wenn man einen Stein ins Wasser würfe und das Wasser nach allen Seiten davonspritzte. Genauso würden die Menschen vor dem Krieg davonlaufen, in alle Richtungen und zwar ganz weit weg.“ Egon gerät in Euphorie. „Eine ganz große Sache! Ich mach euch einen Riesenbrunnen, der nimmt den halben Marktplatz ein.“

„Stop, das ist ja wohl das Allerletzte! Ein Denkmal für Abtrünnige und Vaterlandsverräter! Wo bleibt denn da die Moral?!“ Die Herren Pfarrer und Schuldirektor wirken erschüttert.

„Das wäre dann eben reine Kunst – umso besser!“

„Nein, stimmt nicht. Wenn einer einen Krieg anzetteln will und sich keiner, nicht einmal die eigenen Leute darauf einlassen, sondern im Gegenteil sofort alle wegrennen, dann ist das eine Moral und zwar eine sehr schöne“, sagt Frau Unterbodler und legt die Hand auf ihren Bauch, dorthin, wo der kleine Schildhuber junior heranwächst.

„Das ganze Land würde über uns sprechen. Wir kämen ins Fernsehen.“

„Die Leute hätten einen Grund, von der Bundessstraße abzufahren und ihr Geld zu uns zu tragen.“

Mit nur zwei Gegenstimmen wird in Unterweilingshausen der Bau eines ‚Brunnens der Fahnenflüchtigen‘ beschlossen.


Anmerkung

1 in Elfriede Jelinek, Bambiland, S. 166



Thyra Thorn ist Ethnologin (M.A.), bildende Künstlerin  und Autorin, seit 2016 Mitglied im deutschen Schriftstellerverband. Sie schreibt für österreichische, deutsche und schweizerische Literaturzeitschriften und Kulturjournale. Ihr neuester Roman: „Luxus?“ ist im April 2022 im PänK Verlag herausgekommen.

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