Gendern – eins der drei großen Themen dieser Tage

Katrin Jahn über Macht der Sprache: Manipulation und Propaganda – Gesellschaft – Kultur

Gendern – eins der drei großen Themen dieser Tage, um das Blut vielerorts in Wallung zu bringen.

Es gehe um den Erhalt der deutschen Sprache, hört und liest man da, die wir keinesfalls so verschandeln dürften – wir, das Volk der Dichter und Denker! Goethe und Schiller würden sich gleich mehrfach im Grabe umdrehen!

Es gäbe Wichtigeres zu tun, heißt es, oder es wird ganz neckisch augenzwinkernd der/die Stern*in da gesetzt, wo sich ein*e Platz*in finden lässt.

Hach.

Das mit dem Verschandeln ist so eine Sache, denn dieses Argument lugt nur aus der Versenkung hervor, wenn das generische Maskulinum es zur Hilfe ruft. Denglish? Umgangssprache? Die deutschesten Deutschen, deren Deutsch undeutscher nicht sein könnte?

Who cares?!

Aber beim Sternchen, beim großen I, beim wortmittig gesetzten Doppelpunkt, da hört der Spaß dann auf. Wir sind doch alle längst gleichberechtigt, jetzt ist aber auch mal gut, man weiß doch, wer gemeint ist.

Ein*e Schelm*in, wer Böses dabei denkt.

Warum also werden so viele andere Neuerungen der Sprache scheinbar kommentarlos oder mit nur leichtem Maulen akzeptiert? Vielleicht, weil sie schleichender vonstatten gehen, Schrittchen für Schrittchen, und sich beim Gendern manch eine*r vom Holzhammer erschlagen fühlt.

Vielleicht ist es aber auch eine Frage von Gewinn und Verlust. Englisch zum Beispiel braucht man heute mehr denn je, es ist die Lingua Franca unserer Zeit und begegnet uns im Beruf- wie im Privatleben an jeder Ecke. Vorteile sind ersichtlich, Nachteile gibt es erstmal keine.

Die Vorteile beim Gendern hingegen erschließen sich vornehmlich denen, für die es eben von Vorteil wäre – gleichsam andersherum verhält es sich mit den Nachteilen.

Die Idee hinter dem Gendern ist das Sichtbarmachen aller, die nicht männlich gelesen werden. Nicht mehr nur mitgemeint und mitgedacht – wenn überhaupt –, sondern da, für alle les- und hörbar.

Kurzer Exkurs: Spaziergang über den nächstgelegenen Friedhof, ältere Gräber. Grabsteine mit Eheleute * hier Vorname Ehemann + Nachname einfügen * sagen mir, dass es da mal diesen Mann gab und dass er eine Frau hatte. Und das ist alles, was von ihr bleibt.

Auf dm Zeugnis meiner Oma unterschrieb ihre Mutter mit „Frau Alfred F.“. Für die Gesellschaft war ihr eigener Name nicht wichtig, sie war nur Stellvertreterin für das Familienoberhaupt, in dessen Namen sie den Schriftkram erledigte.

Hmmm.

Das war damals halt so…

„Damals“. So lang ist es noch nicht her, dass wir mit Vehemenz zwischen Frau und Fräulein unterschieden – Herr oder Herrlein gab es hingegen nie. Heute brauchen wir das nicht mehr, denn ob ich einen Gatten an mich habe binden können ist nicht mehr wichtig, wenn ich gerade ein Zeitschriftenabo abschließe. Man sieht also: die Zeit*innen ändern sich, man lebt und lernt und passt entsprechend an.

Nun mal hin zur Wissenschaft, die da sagt: wenn das generische Maskulinum sich an seinem Singledasein erfreut, schränkt es ein, was wir uns vorstellen können. Und auch – noch wichtiger –, was Kinder sich vorstellen können.

Beispiel?

Gerne:

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass geschlechtergerechte Sprache die Zuversicht von Kindern verstärkt, in traditionell männlichen Berufen erfolgreich sein zu können“, sagt Prof. Dr. Bettina Hannover, eine der beiden Studienleiterinnen.*

Denn: Sprache hat Macht und zwar vor allem da, wo wir es gar nicht bemerken.

Mal wild verallgemeinernd und basierend auf persönlicher Wahrnehmung: wer sich mit Vehemenz und ohne richtiges Argument gegen das Gendern ausspricht, der gehört zu dem privilegierten Teil unserer Gesellschaft, der schon immer sichtbar war. Und wer nie erfahren hat, wie es sich in den kleinen Nebengassen anfühlt, weil er immer nur über die Autobahn gedüst ist, der erkennt die Notwendigkeit von Straßenlaternen nicht.

Auch mag es – bewusst oder unbewusst – die Angst vor der Veränderung sein. Denn wer weiß, was da noch alles kommt? Das ist ja nur der Anfang! Bald darf man ja gar nichts mehr sagen! Wie muss man sich denn noch einschränken, auf was muss man noch verzichten, was wird man noch ab- und aufgeben müssen?

Wobei…

… was genau verändert sich denn für einen selbst zum Schlechteren, nur weil andere ihren gerechten Anteil vom Sichtbarkeitskuchen kriegen?

*Quellen:

Vervecken, D., & Hannover, B. (2015). Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy. Social Psychology, 46, 76-92.)

die dazugehörige Pressemitteilung der Freien Universät Berlin: https://www.fu-berlin.de/presse/informationen/fup/2015/fup_15_223-einfluss-geschlechtergerechte-sprache/index.html

Katrin Jahn, Jahrgang 1984, ist ein echtes Ruhrpottkind: geboren in Dortmund, aufgewachsen in Hagen, Studium der Anglistik und der Geschichtswissenschaften in Bochum. Hauptberuflich haut sie für einen Reiseblog in die Tasten, privat bereist sie die Welt und liest alles, was ihr zwischen die Finger kommt. Auch beim Schreiben fühlt sie sich in gleich mehreren Genres zuhause und ihre Texte wurden bereits in Anthologien sowie on- & offline Literaturmagazinen veröffentlicht.

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Eine Antwort zu „Gendern – eins der drei großen Themen dieser Tage”.

  1. https://wordpress.com/read/blogs/2188446/posts/22109 Bleiben Sie als Historikerin doch bei Ihren Leisten. Dieser Leserbrief könnte dazu beitragen. Und, nein, durch das schwachsinnige Gendern wird niemand sichtbarer gemacht, es werden nur noch mehr Schubladen geschaffen. PS: Auf die Lektüre historischer Fachbücher in gegenderter „Sprache“ kann man verzichten. Oder heisst es nächstens „Landsknechte“ und „Landsknechtinnen“? Oder doch „Landsmägdinnen“? Oder die „Lanzenreiter“ und „Lanzenreiterinnen“? „Ritter“ und „Ritterinnen“? Es steht Ihnen frei, sich durch die Hinzunahme weiterer Beispiele aus dem Bereich Historik selber zu belustigen.

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