Was wollt ihr nicht sehen?

Was wollt ihr nicht sehen? Von Katja Bär – Gesellschaft – Medienkompetenz

Wir leben im Jahr 2022. Uns steht die gesamte Breite des Internets zur Verfügung, aus dem  sich Jeder Informationen holen kann. Gut, das ist nicht einfach, es gibt auch dort viele Beiträge, die zu hinterfragen sind.

Ich als ehemalige DDR-Bürgerin bin erstaunt darüber, dass es immer noch einen Großteil von Menschen gibt, die ARD, ZDF und weiteren öffentlich rechtlichen Medien Glauben schenken. Zumindest hat die breite Masse der DDR-Bürger bis auf ein paar total überzeugte Genossen, gewusst, was in der Nachrichtensendung „Aktuellen Kamera“ berichtet wird, ist zum großen Teil gelogen. Selbst die über 100 Prozent eingefahrene Ernte unserer stolzen LPG Bauern.

Schon als sehr junger Mensch beschäftigte mich die Frage, wie konnte es 1933 in Deutschland zu dem Wechsel von der bunten Weimarer Republik mit großer Vielfalt auch in der Kunst in den totalitären faschistischen Staat kommen? Den Mechanismus konnte ich in den letzten Jahren hier in unserem Land genau beobachten und musste mit ansehen, wie die Maschinerie der Propaganda wieder einmal greift. 

Auch vor 1933 gab es nicht wenige Menschen, die gewarnt hatten: „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!“ Sie sollten recht behalten.

Im sogenannten dritten Reich war es sicher schwieriger für die Menschen, an Informationen zu kommen, also an solche, die eine andere Meinung darstellten. Trotzdem gab es auch in dieser Zeit mutige Menschen, die zum Beispiel mit Flugblättern die Wahrheit verteilten. Aber  die Masse wollte es nicht wissen, hat sich manipulieren lassen und das dicke Ende folgte.

In der DDR war es etwas leichter, an Informationen zu kommen, was im eigenen Land tatsächlich passierte. Wobei es darauf ankam, wo man wohnte. Ich lebte als junger Mensch in Dresden, wie jeder Bundesbürger weiß, im Tal der Ahnungslosen, also ohne Westfunk.  

Zu Beginn meiner Lehrzeit war ich hundertprozentig von der Idee des Sozialismus überzeugt. Doch dann kam mir die „Biermannaffäre“ * in die Quere. Ich wurde stutzig, begab mich auf die Spur und so begann die große und schmerzhafte Erschütterung meines damaligen Weltbildes.

Ich kann nachvollziehen, dass es nicht einfach ist, wenn hier in unserem Land Dinge  passieren, die einem unheimlich sind und dass man sie deshalb lieber gar nicht wissen will, sich der Manipulation hingibt und hofft, es wird schon gut gehen für mich. Die Kölner lieben den Spruch: Es kütt, wie et küt und es hät noch immer jod jegange. Es kommt, wie es kommt und es ist noch immer gut gegangen.

Ich habe nichts gegen gute Ausgänge. Aber lasst euch nicht weiter täuschen. Schaut euch um. Der Staat bricht zusammen.

Im Staatsbürgerkundeunterricht der DDR wurde uns erklärt, dass der Kapitalismus im Absterben ist. Ich habe nach der Wende darüber gern meine Witze gerissen, weil es ja nicht wirklich passierte, zumindest nicht offensichtlich. Doch mittlerweile ist der Absterbeprozess schon länger im Gange. Und mit ihm stirbt jeden Tag ein Stück Freiheit.

Wer es nicht sehen will, jedem seine Sache. Das Kartenhaus bricht trotzdem zusammen. Und diesmal kann wirklich kein einziger Mensch sagen, ich habe es nicht gewusst. Weil jeder hat die Möglichkeit, es zu wissen.

Trotzdem bin ich generell optimistisch. Genau deshalb weil ich es schon ein Mal erleben durfte, wie Menschen angefangen haben, Dinge zu hinterfragen und sich aus der Lüge erhoben, die ihnen jeden Tag erzählt wurde. November 1989!


*Biermann wurde aufgrund seiner systemkritischen Lieder nach einem Konzert in Köln aus der DDR ausgebürgert

Katja Bär, Autorin


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