Eusebés

von Bernhard Horwatitsch / Gesellschaft – Kultur – Utopie

Eusebés

Der griechische Historiker Theopompus lebte 400 vor Christus und stammt von der Insel Chios, aus der nördlichen Ägäis. Er dachte sich ein Land aus, das er Meropis nannte. Überliefert wurde uns diese Geschichte von einem Römer, der viele Jahrhunderte später in Palästrina lebte. Theopompos schreibt da von zwei Städten in Meropis: Eusebes („Ort der Frommen“) und Machimos („Ort der Krieger“). Während die fromme Stadt in Überfluss lebe, Feldfrüchte bekäme, ohne dafür die Felder bestellen zu müssen, und ohne jede Krankheit glücklich und fromm lebe, werden in der kriegerischen Stadt die Menschen bereits mit Waffen geboren. Machimos führe ständig Krieg und habe alle Nachbarvölker unterworfen. Schließlich hätten zehn Millionen Krieger von Machimos das Weltmeer überquert um die Hyperboreer (Nordvolk) anzugreifen. Als sie jedoch sahen, dass diese „die glücklichsten Menschen“ diesseits des Okeanos seien, hätten sie nur Verachtung für sie übrig gehabt und es deswegen verschmäht, noch weiter vorzurücken. Eine schöne Utopie- finde ich. Zumal sich die Krieger hier überraschend einsichtig zeigten. Leider ist es eine Utopie.

Die Frommen und die Krieger! Heute in bewegten Kriegszeiten wirkt diese Gegenüberstellung plakativ und der Schluss daraus naiv. Doch mich beeindruckte es, dass es einen Ort der Frommen geben könnte, wo alle zufrieden sind und ihr Auskommen haben. Das ist es doch, was wir alle anstreben. Fromm und glücklich – nicht notwendig klug. So nehme ich zumindest an. Aber ich bin ein vergleichsweise naiver Mensch und war erschrocken, als ich einmal den Satz las: In der Amoralität des Meisters spiegelt sich die Arglosigkeit der Kreatur. Thomas Pynchon (Enden der Parabel) traf hier meinen Nerv, denn ich bin allzu oft arglos und nicht selten mahnt man mich an, ich solle so nicht sein. Würde ich wohl gerne. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. In diesem Sinne dachte ich mir eine besondere Quadratur aus, warum ich mich manchmal so ambivalent fühl. Meine eigene Klugheit konkurriert durchaus mit meiner Frömmigkeit. So kam ich auf vier Typen:

Es gibt gebildete Menschen. Und es gibt ungebildete Menschen. Wie das Wort schon intendiert, kann man Menschen ausbilden, indem man abbildet was ist oder sein sollte. Dass sich so mancher gebildete Mensch auch vieles einbildet, sei einmal dahingestellt.
Dann gibt es kluge Menschen und dumme Menschen. Die Klugheit muss man dabei streng von der Weisheit abgrenzen. Denn kluge Menschen neigen dazu, sich schlau und gerissen in einzelnen Situationen zu verhalten, oft mit Tücke und sogar Heimtücke. Daher ist die Klugheit an den Charakter gebunden. Wir können nicht darüber bestimmen, wo und wie wir aufwachsen, uns nicht aussuchen was uns prägt. Daher lässt sich Klugheit nicht einfach ausbilden. Kluge Menschen benötigen ein spezielles und durchaus kompliziertes gesellschaftliches Biotop um wachsen zu können. Und selbst das beste und ausgeklügelste Gesellschaftssystem gibt keine Garantie ab, für dauerhafte Klugheit.
So gibt es durchaus sehr gebildete aber ausnehmend dumme Menschen. Sie stolpern mit ihrem großen Wissen und mit Weisheiten vollgestopft bis an den Rand durch dieses Leben. Wie Don Quixote, der sich an Ritterromanen überlas, oder Hortensius (eine Figur aus Francion von Charles Sorel), oder der ebenso berühmte wie tragische Jupiter Teutsch (aus Grimmelshausens Simplicissimus), der sich an deutschen Heldengeschichten überlesen hat. Diese drei komischen Figuren sind die Prototypen mangelnder Lebensklugheit bei allzu großer Bildung. Sie sind gut, zu gut für diese Welt.
Dagegen die gebildeten Klugen. Die gerissen und schlau ihr Allgemeinwissen benutzen, um voran zu kommen, gezielt und effektiv dient ihre Bildung dem Erreichen eines konkreten Ziels.
Die ungebildeten Dummen gibt es auch. Sie sind jedoch in unserer so bildungseifrigen Gesellschaft rarer geworden. Selbst den Dümmsten unter uns bringt man noch etwas bei. Dabei bilden die gebildeten Klugen die Dummen aus, und ein Schelm der Böses dabei denkt. Und sollten die gebildeten Dummen die Dummen ausbilden? Nun, da sieht jeder gleich den Pferdefuß.
Wie aber stellen wir uns die ungebildeten Klugen vor? Denn sie werden nicht weniger. Schlau, heimtückisch und gerissen entziehen sie sich den Versuchen ihnen etwas beizubringen. Dank ihrer Klugheit können sie der Bildung ein Schnippchen schlagen und schlagen sich durch die Welt mit Bravour. Nicht selten findet man gerade unter den ungebildeten Klugen die reichsten Menschen. Bildung hat nämlich den Nachteil, die eigene Bösartigkeit zu bremsen durch Reflexion und Erkenntnis. Mit solchen Hemmnissen muss sich der ungebildete Kluge nicht herumärgern. Er (oder sie) kann nach Herzenslust seiner Klugheit frönen. Über die Dummen lachen sie allemal. Während die gebildeten Dummen gerade an den ungebildeten Klugen im Herzen verzweifeln und allmählich verdüstern, kooperieren die gebildeten Klugen mit den ungebildeten Klugen. Der gebildete Dumme hat leider im ungebildeten Dummen keinen Verbündeten.

Mit der Zeit – und das möge als Resümee dieser Quadratur dienen – bildet der gebildete Dumme eine ganz spezielle Klugheit aus. Als gebildeter Dummer lernt man von den ungebildeten Klugen vor allem etwas über die Schlechtigkeit des Menschen an sich. Das ist aber leider ein Fehlurteil und belegt die Dummheit des gebildeten Dummen, der eben immer nur sich bildet, ohne klug zu werden.
Es ist fatal und traurig und hier – darauf verweist der Titel dieses streifenden Schusses – trotzdem fromm zu bleiben ist für die Dummen so schwer als für die Klugen, gleich ob sie gebildet oder ungebildet sind. Verständig, gerecht, fromm und tapfer sind eo ipso die Wenigsten, das dürfte nach diesen Ausführungen keinen mehr sonderlich wundern.



Bernhard Horwatitsch https://www.literaturprojekt.com/



„Schau unten auf ZeitenGeist – Über uns!“

Eine Antwort zu „Eusebés”.

  1. Die Einbildung
    der Frommen
    die ihren Willen
    durchsetzen
    wie bereits
    zu sehen
    im Angriffskrieg
    gegen die Menschen
    in der Ukraine

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