Lob der Abstinenz

„Menschheit. Neu erfinden, Menschsein wiederfinden.“ ein Essay von Eileen Mätzold

Lob der Abstinenz

Es ist so schwer, ohne eine Zigarette in der Hand zu schreiben.

Der äußere Antrieb. Das Ventil. Manchmal fällt ein Lindenblatt zu Boden, wirft noch Sonnenlicht durch ein kleines Loch in seiner Mitte nach unten und fällt dennoch in seinem satten jungen Grün und dann kommt einem eine kleine Idee zwischen vielen: Es ist die Idee des vollkommenen Gedankens.

Der vollkommene Gedanke lässt sich dann sehr leicht fassen. Man muss nur nach dem Blatt greifen und dieses Ge-griffene niederschreiben.

Die kleinsten Fragen zuvor ergeben dann ein Ganzes.

Man muss es zunächst zer-denken können, wie man die Nahrung zer-kaut. So müsse man erst zer-denken, um ver-dauen zu können, was man gedacht.

Dann erst kann man sich einverleiben, was man zuvor gedacht und unlängst hinterfragte.

Es ist die Schönheit der Einfachheit.

Doch diese Einfachheit liegt mir nicht.

Stehe ich morgens auf, so verschachteln sich die Gedanken. Sie sind nicht bei Trost, überschlagen sich, brennen nieder, was sie fassen können und lassen darauf Fruchtbares gedeihen.

Nach der Zerstörung kommt nicht die Wut, sondern das Leben.

„Es ist so schön. Es tut so weh.“ singt Faber.

Die Einfachheit liegt jenseits von Gut und Böse. Dass wir das alles intensiver, derber, kräftiger, voller erleben müssen, was unsere Existenz zu bieten hat, schreibt Garcia, sei eine Krankheit und eine Erbschaft zugleich. Es sei die Erbschaft der Moderne, die weit in unsere Zeit greife.

Die eine Seite behauptete: Sie sagen, es lebe sich intensiver in und durch die Kunst.

Die anderen jedoch: Sie sagen, es lebe sich intensiver in und durch die Ware.

Doch auch die Kunst kann Ding und Ware sein und auch die Ware kann Schönes, ja Einzigartiges bergen.

So versprechen beide Pole das wahre intensive Leben, das wir, nein, das uns ausmache.

Hier sind wir im Grunde genommen einfach Menschen. (Folgte ich Garcia bishierhin, insofern ich hier richtig liege, doch das macht keinen Unterschied. Glauben werden Sie mir allemal.)

Hier unterscheiden wir uns – im Denken natürlich, insbesondere im Denken daran, dass wir Recht behielten.

Es ist richtig, das Alte, Kunstvolle, Schöne und Wahre erleben zu wollen.

Es ist richtig, zu kaufen, um besser und schneller erfahren zu können.

Es ist richtig, wie wir es tun, was wir tun und wie wir es tun, solange es uns berauscht.

Auch Effizienz kann berauschen.

Es ist der Sex nach dem Aufwachen. Das Blatt, das nach unten fällt. Es ist der Satz in der Bäckerei oder ein Vortrag von Hartmut Rosa, der nun sagt: Unverfügbar ist das, was uns berührt.

Und da berührt er mich bereits. Sagt es und berührt und berührt auch den anderen, der wie ich, von all dem plötzlich erfasst wird und sich verstanden fühlt.

Denken ist lieben.

Der Intellektuelle ergötzt sich am Verschachtelten, der andere am Einfachen.

Die Lyrik liebt das Einfache. Das weiß sie umfänglich zu erzählen, gedacht auch… Die Lyrik denkt im Gedicht eine Welt aus.

Denkt sich:

Wo fange ich an, wenn es weder einen Anfang noch ein Ende gibt.

Wo höre ich auf, wenn nicht bei der Unerträglichkeit des Daseins.

Was kann ich sprechen, was nicht bereits gesprochen…

…dass wir sterblich sind und uns sterblich erfassen und darum JETZT und bitte HEUTE und bitte mit DEM oder DER, die oder der uns gerade HIER in diesem Augenblick gegenübertritt. Weil wir nur dieses eine haben.

Nichts weiter. Keines mehr.

Es ist die letzte Chance.

Leben.

Die einzige Vergebung, dass wir noch gehandelt und erlebt haben. Richtig erlebt! Am Ende hat keiner etwas bereut, was er hätte besser bereuen müssen. Urteilen können die anderen, die folgen. Die folgen dir nicht…

Doch wenn ich all das zu Ende denken würde, ich begönne wieder von vorn mit allen Fehlern. Fail. Try again. Try a lot.

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Leben Sie oder lassen sie es sich denken, (wie )zu leben (es sich ziemt)?

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Lebe lieber lauter. Hauptsache du hast geliebt.

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Lebe leise. Laut kann jeder.

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Oder Kafka: Gib‘s auf.


Eileen Mätzold schreibt seit ihrem 12. Lebensjahr Gedichte, Essays und Kurzprosa. Einzelne Gedichte veröffentlicht sie seit ihrem 16. Lebensjahr unter anderem bei Sternenblick. Seit 2021 moderiert sie die Lesebühne ‚Der durstige Pegasus‘ in der Moritzbastei (Leipzig). Diese Lesebühne ist die älteste durchgehende Lesebühne auf dem europäischen Festland. Wenn sie nicht schreibt, beschäftigt sie sich mit Schreibgeräten, Tinten und alten Büchern.

Liste der Veröffentlichungen (Auswahl):

Lyrik:

„Rogers Afghanistan“, SchönwortSchätze: Lyrischer Lorbeer 2016, Lorbeer-Verlag, 01.12.2016.

„Hochzeitsnacht“, in Aquarell aus Worten: Rote Erzählungen und Gedichte, Books on Demand, 17.08.2016.

„Das Paradies nenne ich Liebe“ in Aufgehen in Dir, Book on Demand, Norderstedt, 08.12.2016

„An die Treue“ in Zeitentanz, Book on Demand; Auflage: 1 (28. Juni 2017)

weitere Veröffentlichungen unter: https://freundeunbekannte.de/eileen-maetzold/



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